Wissenschaft

Interview mit Mentor

Schreiben Sie Greta Thunbergs Reden, Mr. Anderson?

Die junge Klimaaktivistin Greta Thunberg hat eine ganze Bewegung ins Rollen gebracht. Mittlerweile stehen ihr mehrere Berater zur Seite, unter anderem der Klimatologe Kevin Anderson. Wie groß ist sein Einfluss?

Morris Mac Matzen / REUTERS

"Greta kann nicht die Retterin des Klimas sein", sagt ihr Mentor Kevin Anderson

Ein Interview von
Donnerstag, 28.03.2019   10:49 Uhr

Greta Thunberg ist derzeit die berühmteste Klimaschützerin der Welt. Für ihre Kampagne der Schulstreiks an Freitagen hat die 16-Jährige in den vergangenen Monaten nicht nur Zuspruch bekommen. Ein Vorwurf der Kritiker: Die Schülerin formuliere nur das, was ihr Berater einflüsterten. Kevin Anderson ist zumindest einer, auf den Greta Thunberg hört. Manchmal zumindest. Wenn die Schwedin auf Nummer sicher gehen will, bittet sie den britischen Klimatologen, ihre Redemanuskripte zu prüfen.

SPIEGEL ONLINE: Professor Anderson, Greta Thunberg hat verraten, dass sie sich Hilfe von Wissenschaftlern holt - und Ihren Namen genannt. Sind Sie also der Mann, der die so wohl formulierten Reden der 16-Jährigen schreibt?

Kevin Anderson: Was Sie aus dem Mund von Greta Thunberg hören, ist das, worüber Greta Thunberg nachdenkt und was sie dann aufschreibt. Sie ist nicht das Sprachrohr ihrer Eltern, einer PR-Kampagne oder von uns Wissenschaftlern. Auch wenn das manche Leute nicht wahrhaben wollen - allen voran einige ältere weiße Männer.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Aber was ist dann Ihre Rolle?

Anderson: Greta schickt mir manchmal Manuskripte und bittet mich zu prüfen, ob alles inhaltlich richtig ist. Manchmal diskutieren wir beide natürlich auch über Themen.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Anderson: Ich habe in den Gesprächen mit ihr oft den Eindruck, mit einer jüngeren Kollegin unseres Instituts zu diskutieren, aber nicht mit einer Jugendlichen. Greta weiß unglaublich viel über den Klimawandel, und sie lernt ständig dazu. Neulich hat sie mir einen ihrer Texte über Aerosole geschickt.…

SPIEGEL ONLINE: …Schwebeteilchen, die den Treibhauseffekt mindern können….

Anderson: Ich fragte nach, woher sie diese oder jene Zahl habe. Darauf schickte sie mir mehrere Links und Zusammenfassungen aus wissenschaftlichen Texten, die sie durchgearbeitet hatte. Beeindruckend für eine 16-Jährige.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie miteinander in Kontakt gekommen?

Anderson: Ich forsche und lehre auch in Schweden, an der Uni Uppsala. Die Familie Thunberg sprach mich vor einiger Zeit an. Greta war schon damals hochinteressiert am Klimawandel. Seit sie mit dem Streik angefangen hat, stehen wir regelmäßig in Kontakt.

SPIEGEL ONLINE: Hört sie denn auf Sie?

Anderson: Nur wenn sie es für richtig hält. Ich habe gehört, dass ihr Vater Greta mehrmals geraten hat, bestimmte Dinge nicht so hart zu sagen, etwa als sie den Uno-Generalsekretär getroffen hat. Sie hat es trotzdem genau so hart gesagt, wie sie es für richtig hielt. Greta schert sich wenig darum, was andere von ihr denken. Sie nimmt keine Rücksicht auf Befindlichkeiten von Interessensgruppen oder Politikern. Für mich ist sie wie das Kind im Märchen "Des Kaisers neue Kleider", das ruft: "Aber er hat ja gar nichts an." So ist es auch mit dem Klima: Wir emittieren immer mehr CO2 - und reden uns das schön, beschwichtigen, zögern große Veränderung hinaus. Aber Greta sagt, wie es ist. Eben deswegen wird sie so verehrt. Und so verunglimpft - von denen, die keine Veränderung wollen.

SPIEGEL ONLINE: Aber kann eine 16-Jährige dieses hochkomplexe Thema überhaupt überblicken? Christian Lindner hat gesagt: "Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen." Dies sei "eine Sache für Profis".

Anderson: Wer ist dieser Mann, wie alt ist er?

SPIEGEL ONLINE: Lindner ist 40 Jahre alt und Chef der FDP, einer liberalen Partei.

Anderson: Dann ist er schon einige Jahre in der Politik. Und einer der Politiker, die versagt haben. Seit dem ersten Bericht des Weltklimarats von 1990 wissen alle, dass sie die Emissionen senken müssen. Aber bei Ihnen in Deutschland sind die Emissionen durch Verkehr seither sogar gestiegen. Sie werden Ihr Klimaziel für 2020 klar verpassen. Es ist dumm von Politikern, Gretas vernünftige Statements abzuqualifizieren, bloß weil sie eine Jugendliche ist.

Im Video: Klima-Rebellin Greta Thunberg

Foto: SPIEGEL TV

SPIEGEL ONLINE: Aber sie ist keine Expertin.

Anderson: Sie ist sehr wohl Expertin - für Kommunikation. Sie schafft es, Unmengen von Informationen zu prägnanten, einfachen, ehrlichen Botschaften zusammenzufassen. Diese Expertise hat uns bislang gefehlt. Greta erreicht Menschen, die wir Wissenschaftler nie erreicht haben, allen voran Kinder und Jugendliche.

SPIEGEL ONLINE: Müssen die denn unbedingt für ihren Protest die Schule schwänzen?

Anderson: Es ist traurig: dass wir Erwachsene so versagen, dass die Kinder es nun für nötig halten, die Schule zu schwänzen, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Aber ich glaube, dass sie bei den Streiks eine Menge lernen: über den Klimawandel, über Politik und darüber, sich zu engagieren. Die Streikenden, die ich kenne, sind nicht faul. Das sind junge Menschen, die sich Gedanken machen um die Zukunft.

SPIEGEL ONLINE: Greta Thunberg sagt: "Ich will, dass Ihr in Panik geratet". Klingt nicht sehr wissenschaftlich.

Anderson: Sie meint damit nicht, dass wir wie kopflose Hühner herumrennen sollen. Sie meint die Art von Panik, die uns aus unserer Komfortzone holt. Nur ein Beispiel: Ist es nicht lächerlich, dass noch immer 1500 Kilogramm schwere Autos 80 Kilo schwere Menschen ein paar Kilometer weit transportieren? Wir müssen unseren Lebensstil radikal ändern.

SPIEGEL ONLINE: Viele Leute würden sagen: So ein Leben macht keinen Spaß.

Anderson: Macht es nur Spaß, massenhaft fossile Brennstoffe zu verheizen? Das ist doch traurig. Ich gehe in meiner Freizeit Rad fahren und klettern. Man kann auch mehr Zeit mit den Kindern oder den Eltern verbringen. Oder ein Bier mit einem Freund im Pub trinken. Und beim Reisen gilt oft: Je langsamer Sie vorankommen, desto mehr erleben Sie.

SPIEGEL ONLINE: Greta reist diese Woche nach Berlin. Hier soll sie unter anderem die "Goldene Kamera" verliehen bekommen. Gerade wurde sie in Schweden zweimal zur "Frau des Jahres" erkoren. Und kürzlich haben norwegische Parlamentarier sie sogar für den Friedensnobelpreis nominiert.

Anderson: Ich bin nicht sicher, ob das so hilfreich ist. Diese Preise gehören zu einer Celebrity-Kultur. Meine Sorge ist, dass zu viele Menschen in Greta eine Klima-Ikone sehen, die große Retterin. Sie kann nicht die Retterin des Klimas sein - und sie selbst sieht sich auch nicht so. Ihre Rolle ist es, uns Erwachsenen einen Spiegel vorzuhalten. Sie ist eine Impulsgeberin für den Wandel. Wir dürfen nicht all unsere Hoffnungen auf Greta setzen. Wir müssen selbst etwas tun. Dann können wir hoffen.

insgesamt 21 Beiträge
Bondurant 28.03.2019
1.
Interessantes zu Professor Anderson aus der wikipedia: Anderson hat die Projektionen des Weltklimarats zur zukünftigen globalen Erwärmung analysiert und hält sie für grob überoptimistich. ... Er hält die Aussagen des [...]
Interessantes zu Professor Anderson aus der wikipedia: Anderson hat die Projektionen des Weltklimarats zur zukünftigen globalen Erwärmung analysiert und hält sie für grob überoptimistich. ... Er hält die Aussagen des Weltklimarats für unrealistisch, dass die Bemühungen, das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten, das Wirtschaftswachstum nicht wesentlich beeinflussen. *Wohlhabende Individuen mit hohen CO2-Emissionen werden seiner Einschätzung nach ihren Energieverbrauch und Konsum materieller Güter erheblich einschränken und sofortige und fundamentale Änderungen ihres Lebensstils akzeptieren müssen* – zumindest bis die Transformation weg von fossilen Energien komplett vollzogen ist. wäre nur die Frage, ab wann man denn dann "wohlhabend" ist. Interessant auch seine (er benutzt übrigens seit 2004 kein Flugzeug mehr) Aussagen zum alternativen Lebensstil: [/i]Ich gehe in meiner Freizeit radfahren und klettern. Man kann auch mehr Zeit mit den Kindern oder den Eltern verbringen. Oder ein Bier mit einem Freund im Pub trinken. Und beim Reisen gilt oft: Je langsamer Sie vorankommen, desto mehr erleben Sie.[/i] wohlverstanden: alles ehrenwert. Nur ist es eben wichtig zu wissen, auf was diese Leute hinaus wollen. Das sogenannte einfache, man möchte sagen spartanische, Leben. Vorzugsweise vielleicht in der Dorfgemeinschaft. Konsequent ist das; ich habe allerdings Zweifel, ob die für das Klima streikenden deutschen Oberschüler, materiell bestausgestattete junge Generation, die die Welt je gesehen hat, sich ihre Zukunft so vorstellen.
whitewisent 28.03.2019
2.
Es ist schon ein merkwürdiges Geschäft, das man dort beobachten kann. Die eine Seite sieht die Ikone extrem kritisch und hinterfragt Alles, die andere Seite bekommt sich nicht mehr ein, soviel Lob, Anerkennung und Respekt gegen [...]
Es ist schon ein merkwürdiges Geschäft, das man dort beobachten kann. Die eine Seite sieht die Ikone extrem kritisch und hinterfragt Alles, die andere Seite bekommt sich nicht mehr ein, soviel Lob, Anerkennung und Respekt gegen eine einzelne 16jährige. Leider lassen diese Menschen den selben Respekt gegenüber Andersdenkenden vermissen. Denn das hier ist doch das Paradebeispiel für die andere Gruppe "alter weißer Männer", welche seit 50 Jahren versuchen die Welt zu verbessern, und gescheitert sind, weil niemand auf sie hören wollte. Und nun kommt Greta, und alle alten Ideen werden wieder hervorgeholt, und man hängt sich an diesen Erfolg dran. Gleichzeitig immer noch demutsvoll die Folgen der Ikonisierung abwehren. Wer die Kinder und Jugendlichen am Freitag sieht, sollte sich vieleicht mal mit Nikolaus von Köln befassen, die Parallelen sind erstaunlich. Wenn am Ende eine Welt ohne Kohlemeiler, dafür mit Kernreaktoren in jeder Kreisstadt steht, ist das Ziel nicht wirklich das, was mancher in die aktuelle Bewegung hineindefiniert. Denn Askese, Selbstbeschränkung und dem Gemeinwohl verpflichtet ist eben nicht nur ein Event kurz vor dem Wochenende für 2 Stunden, wo man sich anschließend wieder der Konsumgesellschaft hingibt.
mirage122 28.03.2019
3. Materiell bestens ausgestattet?
Vielleicht ist es ja genau das, was die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen gar nicht wollen, die sich für eine massive Verbesserung des Klimas einsetzen - als ob Smartphone, facebook und youtube das Leben ist. Nun höre ich [...]
Vielleicht ist es ja genau das, was die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen gar nicht wollen, die sich für eine massive Verbesserung des Klimas einsetzen - als ob Smartphone, facebook und youtube das Leben ist. Nun höre ich wieder solche Statements wie: "Denen geht es einfach zu gut!" Nein, denen geht es gar nicht gut, sie sorgen sich um ihre Zukunft und versuchen auf die Versäumnisse hinzuweisen, die in der Politik falsch gelaufen sind. Unsere Dauer-Kanzlerin hatte sich ja mal den Klima-Schutz auf die Fahne geschrieben. Und was ist daraus geworden? Rein gar nichts! Versagt auf ganzer Linie. Wir sollten uns alle schämen. Ich bin als alte 68gerin für viele Dinge auf die Straße gegangen. Dadurch wurde wirklich einiges erreicht. Und ich bin den heutigen "Schulschwänzern" unendlich dankbar, dass sie massiv auf diese Problematik hinweisen, bevor uns alles um die Ohren fliegt. Aussagen wie die von Herrn Lindner, der den jungen Menschen abspricht, globale Zusammenhänge zu begreifen und sie dadurch als "doof" hinstellt, sollte man nur ignorieren. Es ist leicht, diese Menschen als nicht kompetent abzustempeln. Greta ist eine sehr intelligente Expertin, sie weiß, worüber sie spricht. Ist denn ein Herrn Lindner schon jemals für den Friedensnobelpreis nominiert worden?
botschinski 28.03.2019
4. "Freiheiten"
Ich habe es hier im Forum bereits einmal erwähnt (und verbale Prügel dafür eingesteckt), wir werden einen Grossteil unserer Freiheiten aufgeben müssen, wenn wir den Klimawandel eindämmen wollen. Sprich wir werden unser Leben [...]
Ich habe es hier im Forum bereits einmal erwähnt (und verbale Prügel dafür eingesteckt), wir werden einen Grossteil unserer Freiheiten aufgeben müssen, wenn wir den Klimawandel eindämmen wollen. Sprich wir werden unser Leben radikal ändern müssen. Mir schwebt eine Art CO2 Zertifikat für jeden Menschen vor, man erhält eine bestimmt Menge an CO2, welche man verbrauchen kann wie man mag: Verkehr, Energieverbrauch, Nahrung, Konsumgüter. Wer spart (oder weniger zu konsumieren hat) kann die übrigen denen verkaufen die mehr benötigen. Das alles weltweit ungesetzt. Wäre unglaublich kompliziert, ja nahezu unmachbar, denn dazu müsste alles bemessen werden, vom Avocado bis zur Strumpfhose, ist mir klar, aber ich sehe keinen anderen Weg. Der Vorteil wäre, dass es gleichzeitig zu einer Welt führen würde in der Güter/Konsum/Geld gerechter verteilt wären.
humble_opinion 28.03.2019
5.
Letztlich bedeutet Ihre Haltung und Ihr Beitrag aber nur, nicht diejenigen zu unterstützen, die auf die Probleme machen. Die Probleme, die große Mehrheit der Wissenschaftler weltweit klar und unmissverständlich benennt. [...]
Zitat von BondurantInteressantes zu Professor Anderson aus der wikipedia: Anderson hat die Projektionen des Weltklimarats zur zukünftigen globalen Erwärmung analysiert und hält sie für grob überoptimistich. ... Er hält die Aussagen des Weltklimarats für unrealistisch, dass die Bemühungen, das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten, das Wirtschaftswachstum nicht wesentlich beeinflussen. *Wohlhabende Individuen mit hohen CO2-Emissionen werden seiner Einschätzung nach ihren Energieverbrauch und Konsum materieller Güter erheblich einschränken und sofortige und fundamentale Änderungen ihres Lebensstils akzeptieren müssen* – zumindest bis die Transformation weg von fossilen Energien komplett vollzogen ist. wäre nur die Frage, ab wann man denn dann "wohlhabend" ist. Interessant auch seine (er benutzt übrigens seit 2004 kein Flugzeug mehr) Aussagen zum alternativen Lebensstil: [/i]Ich gehe in meiner Freizeit radfahren und klettern. Man kann auch mehr Zeit mit den Kindern oder den Eltern verbringen. Oder ein Bier mit einem Freund im Pub trinken. Und beim Reisen gilt oft: Je langsamer Sie vorankommen, desto mehr erleben Sie.[/i] wohlverstanden: alles ehrenwert. Nur ist es eben wichtig zu wissen, auf was diese Leute hinaus wollen. Das sogenannte einfache, man möchte sagen spartanische, Leben. Vorzugsweise vielleicht in der Dorfgemeinschaft. Konsequent ist das; ich habe allerdings Zweifel, ob die für das Klima streikenden deutschen Oberschüler, materiell bestausgestattete junge Generation, die die Welt je gesehen hat, sich ihre Zukunft so vorstellen.
Letztlich bedeutet Ihre Haltung und Ihr Beitrag aber nur, nicht diejenigen zu unterstützen, die auf die Probleme machen. Die Probleme, die große Mehrheit der Wissenschaftler weltweit klar und unmissverständlich benennt. Stattdessen malen Sie mit Ihren Worten Bilder wie "Spartanisches Leben in einer Dorfgemeinschaft", "für das Klima streikende deutsche Oberschüler". Genau diese Beharrungskräfte sind es, die ein angemessenes und zügiges politisches und gesellschaftliches Handeln be- und verhindern. Den Klimawandel kann niemand bei Verstand noch leugnen und es ist im Ergebnis dasselbe, ob und zu welchem Prozentsatz er menschengemacht ist. Diese blöde Natur lässt weder mit sich diskutieren noch durch Lobbyisten beeinflussen.
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