Wissenschaft

Kobaltförderung im Kongo

Hier sterben Menschen für unsere Akkus

Kinder schleppen Erzkörbe, Bergleute schürfen unter lebensgefährlichen Bedingungen: Kobalt ist unerlässlich für die Produktion von Akkus, der Abbau hoch umstritten. Experten haben nun Minen im Kongo geprüft.

FEDERICO SCOPPA/ AFP

Ein Bergarbeiter sucht in den Abfällen einer Mine im Kongo nach nutzbarem Kobalt

Ein Interview von
Donnerstag, 17.10.2019   14:04 Uhr

Wer Akkus für E-Autos bauen will, braucht Kobalt - zumindest beim heutigen Stand der Batterietechnologie. Gefördert wird der Rohstoff vor allem als Nebenprodukt beim Nickel- und Kupferabbau. Das Mineral ist äußerst ungleich auf der Erde verteilt: Die von Krisen geschüttelte Demokratische Republik (DR) Kongo, Australien und Kuba vereinen zusammen mehr als 70 Prozent der bekannten Reserven auf sich.

Um die Förderung in der DR Kongo hat es immer wieder Diskussionen gegeben. Von Kinderarbeit war die Rede, von katastrophalem Arbeitsschutz. Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) haben nun für eine Studie mehr als 50 Minen in den Kupfer- und Kobaltprovinzen Haut-Katanga und Lualaba besucht. Im Interview stellt Experte Philip Schütte die Ergebnisse vor.

Zur Person

SPIEGEL: Unter welchen Umständen läuft der Kobaltbergbau in der DR Kongo ab?

Schütte: Der Großteil des kongolesischen Kobalts wird im industriellen Bergbau gewonnen. Das läuft über verschiedene große, internationale Unternehmen, die sich in der Regel an weltweit geltende Vorschriften halten. Etwa 10 bis 20 Prozent entfallen aber auch auf Kleinbergbau. Und das kann massive Probleme bringen.

SPIEGEL: Was läuft da genau falsch?

Schütte: Zum größten Teil findet der Kleinbergbau illegal statt, zum Teil auch auf den Gebieten der industriellen Minen. Die Bergleute schürfen unter extrem unsicheren Bedingungen. Da werden tiefe Stollen gegraben, die Einsturzgefahr ist hoch. Häufig sterben Menschen. Außerdem werden die Bergleute in den illegalen Minen schlecht bezahlt, oft weit unter dem Mindestlohn. Der liegt in der DR Kongo ohnehin nur bei etwa vier Dollar pro Tag. Die Bergleute werden von Zwischenhändlern ausgenutzt. Das sind oft Chinesen, Inder oder Libanesen.

SPIEGEL: Es gibt auch legalen Kleinbergbau. Herrschen dort bessere Bedingungen? Oder hält da einfach noch ein Behördenmitarbeiter zusätzlich die Hand auf?

Schütte: Wenn man Kleinbergbau per se als etwas Schlechtes ansieht, macht man es sich zu einfach. Da hängen Arbeitsplätze und Einkommensperspektiven für mehr als 100.000 Bergleute und deren Familien dran. Wenn es gut läuft, organisieren sich die Bergarbeiter in ausgewiesenen Gebieten und ein Behördenvertreter kontrolliert die Arbeitsschutzvorschriften. So weit die Theorie.

SPIEGEL: Und die Praxis?

Schütte: Die industriellen Bergbaufirmen haben sich längst die Filetstücke bei den Abbaugebieten gesichert. Die Kleinbergbauzonen, die der kongolesische Staat ausgewiesen hat, liegen dagegen fast alle in unattraktiven geologischen Formationen. Deswegen gehen die Kleinbergleute nicht dorthin. Sie zieht es stattdessen zur illegalen Förderung auf die Claims der großen Firmen.

SPIEGEL: Wie verbreitet ist Kinderarbeit?

Schütte: Das Thema nimmt in der medialen Berichterstattung und in der Arbeit von NGOs einen großen Raum ein. Da kursieren oft dramatische Zahlen. Wir haben aber herausgefunden, dass Kinderarbeit nicht ganz so verbreitet ist, wie zu befürchten gewesen wäre. Man muss sich außerdem in jedem Einzelfall ansehen, was Kinder in einer Mine genau tun. Dass sie präsent sind, heißt nicht automatisch, dass sie auch schwere Arbeiten verrichten müssen.

"Die schubsen die Leute in den Minen herum"

SPIEGEL: Man könnte sagen, dass Kinder in einem Bergwerk ganz generell nichts verloren haben.

Schütte: Das kann man so sehen. Manchmal begleiten sie aber auch ihre Eltern, die in der Mine ihr Geld verdienen. Ob Kinder selbst arbeiten, hängt am Ende vor allem am akuten Geldbedarf der Familie. Und der kann sich täglich ändern. Die Minen liegen oft in oder nahe bei den Wohngebieten. Wir sind schon ganz glücklich, wenn es zumindest nicht zu schweren Formen der Kinderarbeit kommt.

SPIEGEL: Was heißt das?

Schütte: Nach Definition der Internationalen Arbeitsorganisation ILO wäre das zum Beispiel der Fall, wenn Kinder unter Tage, direkt an der Abbaufront tätig sind. Dort sind die Gesundheitsrisiken natürlich besonders hoch. Oder wenn sie schwere Erzsäcke transportieren müssen. Wenn die Kinder hingegen auf den Minen oberirdisch Erzstücke auflesen oder diese sortieren, häufig neben ihren Eltern, ist das für uns etwas weniger dramatisch. Das ist natürlich nicht gut, aber eben nicht so problematisch wie andere Formen der Kinderarbeit.

SPIEGEL: Wie oft ist Ihnen so etwas aufgefallen?

Schütte: Wir haben gemeinsam mit unseren kongolesischen Projektpartnern 58 Minen untersucht. In einem Fall haben wir 120 Kinder gesehen, die schwere Arbeit verrichten mussten. In einem anderen Bergwerk sahen wir vier Jugendliche, die Erzsäcke transportierten. Auf den anderen 56 besuchten Minen waren insgesamt etwa 2500 Kinder anwesend oder in leichtere Tätigkeiten involviert, jedoch nicht im Sinne schwerster Kinderarbeit.

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SPIEGEL: Was kann ein Inspektionsteam denn tatsächlich von den Vorgängen in einer Mine mitbekommen?

Schütte: Wenn wir auf eine Mine fahren, mit einem Überprüfungsteam, dann wird uns immer etwas entgehen. Das Risiko ist da, dass wir die schlimmsten Dinge nicht sehen. Um das Problem zu minimieren, haben wir mit der zuständigen kongolesischen Bergaufsichtsbehörde sowie mit einer lokalen NGO, dem Carter Center, zusammengearbeitet. Die kennen sich vor Ort aus. Und sie haben dafür gesorgt, dass wir nicht mit einer ganz so großen Bugwelle aufgetreten sind, um die Chance für einen realistischen Einblick zu haben.

SPIEGEL: In den Minen haben Ihre Kontrolleure auffällig viele Militär- und Polizeiangehörige angetroffen. Was hatten die dort zu suchen?

Schütte: Nichts! Militär und Geheimdienstmitarbeiter arbeiten zum Beispiel als Bodyguards für Rohstoffhändler, zum Beispiel aus China, und schubsen die Leute in den Minen herum. Menschenrechtsverletzungen sind da nicht ausgeschlossen. Das ist ein delikates Thema und etwas, womit sich Unternehmen auch verstärkt beschäftigen müssen.

"Der Kongo ist als Kobaltförderer zu attraktiv, um auf ihn zu verzichten"

SPIEGEL: Sind diese Leute eher in großen oder kleinen Minen zu finden?

Schütte: Das scheint unabhängig von der Größe der Bergwerke zu sein. Wir haben in 60 Prozent der von uns besuchten Minen Vertreter von staatlichen Behörden angetroffen, die dort eigentlich nicht hingehören - anders als zum Beispiel die kongolesische Minenpolizei oder die Bergaufsicht.

SPIEGEL: Internationale Abnehmer kennen die Probleme im Kongo seit Jahren. Warum verzichten sie nicht einfach auf Kobalt von dort?

Schütte: Einige Unternehmen gehen diesen Weg in der Tat. Die anderen Abbaugebiete, zum Beispiel in Australien oder Russland, reichen jedoch nicht, um den gesamten Bedarf zu decken. Der Kongo ist für mehr als 60 Prozent der weltweiten Förderung verantwortlich. Und dieser Anteil wird in Zukunft wohl eher steigen als fallen, weil die geologischen Verhältnisse im Land so gut sind. Der Kongo ist als Kobaltförderer zu attraktiv, um auf ihn zu verzichten. Man muss sich also überlegen, wie man den Kobaltbezug aus dem Kongo verantwortungsvoller machen kann.

FEDERICO SCOPPA/ AFP

"Jetzt hoffen wir beim Kobalt auf weitere Erfolge"

SPIEGEL: Und wie kann man das tun?

Schütte: Es gibt zum Beispiel OECD-Standards zu Sorgfaltspflichten in der Lieferkette. Dort werden Mindeststandards definiert, wie der Verzicht auf schwerste Formen der Kinderarbeit. Auch die illegale Präsenz staatlicher Dienste ist da nicht erlaubt. Wenn Unternehmen das umsetzen, dann können sie sich auch im Kongo engagieren. Das ist eine bessere Lösung, als einfach den Kongo zu meiden.

SPIEGEL: Was hat Ihre Arbeit bisher gebracht?

Schütte: Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ist zusammen mit anderen Partnern seit zehn Jahren im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit in der DR Kongo aktiv. Wir arbeiten mit nationalen und internationalen Partnern. In der Zinn-, Tantal- und Wolframförderung hat das schon sichtbare Fortschritte gebracht. Durch Zertifizierung, durch Inspektionen in den Minen, durch bessere Nachverfolgbarkeit der Rohstoffe ist der Sektor sauberer geworden. Der Anteil der Rohstoffe, die für die Konfliktfinanzierung genutzt wird, ist hier deutlich zurückgegangen. Jetzt hoffen wir beim Kobalt auf weitere Erfolge.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Textes hieß es in der Überschrift: Hier sterben Menschen für unsere E-Autos. Dadurch konnte der Eindruck entstehen, Kobalt werde ausschließlich für Batterien in E-Autos genutzt. Tatsächlich kommt es in fast allen Akkus vor. Wir haben die Überschrift angepasst.

insgesamt 255 Beiträge
prevewan 16.10.2019
1. Die Sterben uebrigens auch fuer Smartphones
Die Menge an Cobalt in einem Smartphone ist nur unwesentlich geringer als in einem Fahrzeug Akku. Die Menge an Cobalt ist am geringsten in Tesla Fahrzeugen, die zu 100% aus Cobalt von Glencore gefoerdert werden. Wie die meisten [...]
Die Menge an Cobalt in einem Smartphone ist nur unwesentlich geringer als in einem Fahrzeug Akku. Die Menge an Cobalt ist am geringsten in Tesla Fahrzeugen, die zu 100% aus Cobalt von Glencore gefoerdert werden. Wie die meisten Fahrzeug Batterien. Tatsaechlich konrolliert Glencore etwa 95% des Weltmarktes fuer Cobalt, nur den im Kongo nicht. Cobalt aus dem Kongo ist primaer in "Chinaware" zu finden, weniger in KfZ. Aber schone zu sehen das SPON gerne das Geld der VDA nimmt.
solarmichi 16.10.2019
2. für Handys sterben die nicht?
Schade dass wir Deutschen verlernt haben konstruktiv zu denken. Selbstverständlich sind die Arbeitsbedingungen bei der Kobaltgewinnung inakzeptabel. Das gilt dann aber auch für den Handyakku, die Elektrozahnbürste oder alle [...]
Schade dass wir Deutschen verlernt haben konstruktiv zu denken. Selbstverständlich sind die Arbeitsbedingungen bei der Kobaltgewinnung inakzeptabel. Das gilt dann aber auch für den Handyakku, die Elektrozahnbürste oder alle unseren sonstigen kabellosen Gadgets, die Edelstahlproduktion (die mengenmäßig vermutlich deutlich größer ist). Kobalt gibt es auch aus Kanada, Australien und Russland sowie aus Sambia. Wir sollten das eine tun (Energiewende, Elektromobilität) ohne das andere (faire Produktions- und Handelsketten, Menschen- und Umweltschutz) zu lassen. Mit dem unqualifizierten relativeren jeder Innovation bleibt es beim "weiter so", das langfristig niemanden nützt. Dem Minenarbeiter wird es bei zunehmender Trockenheit und Hitzerekorde auch nicht besser gehen, von den Opfern der Erdölsucht ganz zu schweigen (z.B. Nigeria)
engel1978 16.10.2019
3. Na toll
Und das fällt erst jetzt auf, nachdem das E-Auto quasi heilig gesprochen wurde? Da sollte man sich als E-Auto-Fahrer ja mehr schämen als mit nem Diesel SUV! Von Seiten der Umweltverbände wurde doch jedes "gesparte" [...]
Und das fällt erst jetzt auf, nachdem das E-Auto quasi heilig gesprochen wurde? Da sollte man sich als E-Auto-Fahrer ja mehr schämen als mit nem Diesel SUV! Von Seiten der Umweltverbände wurde doch jedes "gesparte" Gramm CO2 beweihräuchert, aber alle Hinweise das dafür Menschen das Material aus irgendwelchen Löchern kratzen müssen hat man sauber ignoriert?
Ogim 16.10.2019
4. Tesla benutzt kein Kobalt aus Kinderarbeit
Die Benutzung von mehreren seltenen Materialien in Batterien von Elektroautos hat die Nachfrage nach diesen während der letzten Jahre drastisch erhöht. Viele Hersteller beziehen dabei ihre Rohstoffe aus Materialen aus [...]
Die Benutzung von mehreren seltenen Materialien in Batterien von Elektroautos hat die Nachfrage nach diesen während der letzten Jahre drastisch erhöht. Viele Hersteller beziehen dabei ihre Rohstoffe aus Materialen aus konfliktgeplagten Ländern wie dem Kongo, wo die Arbeitsbedingungen bekanntlicherweise schrecklich sind. Ein Bericht von Amnesty International und Afrewatch, der letztes Jahr veröffentlich wurde, prangerte dabei an, dass Autohersteller wie Mercedes, VW und BYD sowie Elektronikriesen wie Apple und Samsung und der Batteriehersteller LG Chem, von dem General Motors und Nissan ihre Batterien beziehen, nicht darauf achten, ob das Kobalt, das sie verwenden, aus Kinderarbeit stammt. Nicht beschuldigt wurden dabei Tesla und sein Batterielieferant Panasonic. Trotzdem veröffentlichte Tesla diese Woche einen Bericht darüber, wie das Unternehmen am Beispiel von Tantal (dem chemischen Element mit der Ordnungszahl 73) dafür sorgt, dass keiner ihrer 182 Zulieferer (für dieses Element allein!) in keiner der über 3500 Schmelz- und Raffinerieanlagen, die diese betreiben, Kinder arbeiten lässt oder in anderer Weise Menschenrechte verletzt. Das ist ein sehr großer Arbeitsaufwand, aber da Tesla-Gründer Elon Musk die Welt zu einem besseren Ort machen will, hält er es für unverzichtbar, selbst wenn die Firma es auch so schon schwer hat, sich gegen die Konkurrenz und die Verbrenner-Lobby durchzusetzen.
Patenting 16.10.2019
5. Menschen sterben leider auch für unsere Kohle- und Gaskraftwerke!
Die boulevardmäßige Überschrift relativiert sich schnell durch die nachfolgende Aussage des Experten: "...Großteil des kongolesischen Kobalts wird im industriellen Bergbau gewonnen. Das läuft über verschiedene [...]
Die boulevardmäßige Überschrift relativiert sich schnell durch die nachfolgende Aussage des Experten: "...Großteil des kongolesischen Kobalts wird im industriellen Bergbau gewonnen. Das läuft über verschiedene große, internationale Unternehmen, die sich in der Regel an weltweit geltende Vorschriften halten..."
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