Wissenschaft

Akademie in Stockholm

"Die Geheimhaltung nährt den Mythos Nobelpreis"

Und wieder hat's vorher keiner gewusst: Wer den Nobelpreis bekommt, ist das bestgehütete Geheimnis der Wissenschaft. Ein Forscher über Skandale und Spitzenphysikerinnen, die leer ausgingen.

Jonathan Nackstrand/ AFP

Das Alfred Nobel Museum in Stockholm

Ein Interview von
Dienstag, 08.10.2019   13:54 Uhr

Man ist diskret in Stockholm. Kein Hinweis, keine Andeutung dringt vor der Vergabe der Nobelpreise nach außen, kein Gerücht über mögliche Preisträger macht die Runde.

Und wer sich traut, eine Vorhersage zu machen, liegt am Ende in der Regel falsch.

Erst wenn in Stockholms Königlich Schwedischer Akademie der Wissenschaften Jahr um Jahr die berühmte vergoldete Tür aufgeht und die Pressekonferenz beginnt, weiß man, wer die renommierteste Auszeichnung der Wissenschaft nun tatsächlich gewinnt.

Im Jahre 1901 wurde der Nobelpreis das erste Mal vergeben, wenige Jahre nachdem der schwedische Dynamit-Erfinder und Industrielle Alfred Nobel gestorben war. Laut seinem Testament sollen jährlich diejenigen ausgezeichnet werden, die "der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben."

Berühmte Gala in Stockholm

Das Vergabeverfahren in den Wissenschaftskategorien Medizin, Physik und Chemie hat sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts praktisch nicht verändert. Jedes Jahr wird von der Akademie ein Komitee bestimmt, dem Experten aus den unterschiedlichen Bereichen angehören. Zudem werden verschiedene Wissenschaftler und die noch lebenden bisherigen Preisträger gebeten, bis Anfang Februar Vorschläge für den Nobelpreis zu machen.

Pro Jahr werden mehrere Hundert Forscher empfohlen. Das Komitee prüft die Hinweise und empfiehlt der Akademie geeignete Kandidaten. Anfang Oktober werden die Sieger ausgewählt, kurz vor der Bekanntgabe. Aber erst bei einer Gala im Dezember erhalten die Preisträger die Auszeichnung und das Preisgeld, derzeit neun Millionen Kronen (rund 840.000 Euro).

Den Physik-Nobelpreis haben bisher 209 Männer und nur drei Frauen gewonnen. Dabei kam es immer wieder zu kontroversen Entscheidungen - manche renommierte Forscher haben ihn nie erhalten. Der Nobelpreis selbst ist inzwischen zum Gegenstand der Forschung geworden und wird von Wissenschaftshistorikern untersucht, zum Beispiel von Alexander Blum.

Zur Person

SPIEGEL: Herr Blum, der Physiknobelpreis ging dieses Jahr an drei Astrophysiker. Die Hintergründe der Entscheidung werden wir erst in 50 Jahren erfahren. Warum werden die Akten eigentlich so lange unter Verschluss gehalten?

Blum: Das Komitee will sich nicht in die Karten schauen und sich nicht von der öffentlichen Meinung unter Druck setzten lassen. Dass die Akten erst mal verschwinden, garantiert ein Mindestmaß an Unabhängigkeit. Man will verhindern, dass der Entscheidungsprozess bewertet wird. Zudem würde es möglicherweise zu Verstimmungen innerhalb der Physikergemeinschaft kommen, wenn bekannt wird, dass ein Komiteemitglied gegen einen potenziellen Preisträger votiert hat. Aber natürlich nährt die Geheimhaltung auch den Mythos Nobelpreis. Das ist nicht zuletzt eine clevere PR-Strategie.

SPIEGEL: Der erste Nobelpreis für Physik ging 1901 an Wilhelm Conrad Röntgen, vieles hat sich seitdem in der Forschung verändert. Hat das Einfluss auf den Preis?

Blum: Sehr großen. Die Physik selbst hat sich stark entwickelt, heute sind die Wissenschaftler nicht mehr so universell wie noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wo ein und derselbe Wissenschaftler oft in unterschiedlichen Bereichen forschte. Das ist heute ganz anders: Am Cern beispielsweise arbeiten Hunderte Wissenschaftler in einem Projekt zusammen, jeder mit einer starken Spezialisierung. Wenn heute jemand den Nobelpreis bekommt, dann ist klar wofür. Früher hätte ein Forscher oft auch für verschiedene Leistungen ausgezeichnet werden können. Das beste Beispiel ist Albert Einstein.

SPIEGEL: Der bekam den Preis nicht für seine allgemeine Relativitätstheorie, sondern für eine andere Arbeit. Warum eigentlich?

Blum: Beim Komitee in Stockholm stand man dieser Theorie von Einstein skeptisch gegenüber. Also hat man ihm den Preis 1921 für seinen Beitrag zum fotoelektrischen Effekt verliehen und da auch nur für eine spezielle Formel. Das war eigentlich ein Kompromiss. Einstein hatte es nicht leicht in der wissenschaftlichen Gemeinschaft.

Erkennen Sie Nobelpreise?

SPIEGEL: Warum?

Blum: Viele altehrwürdige Physiker haben sich von seiner Theorie bedroht gefühlt. Die kamen einfach bei der rasanten Entwicklung damals nicht hinterher. Die vielen Ideen, die aus dieser Zeit stammen, etwa zur Quantentheorie, haben den Blick auf Materie, Raum und Zeit maßgeblich verändert. Zudem gab es plötzlich einen regelrechten Medienhype um Einstein, der war vielen Forschern nicht geheuer. In einigen Ländern wurde die Relativitätstheorie deshalb lange regelrecht blockiert und gar nicht unterrichtet. In Deutschland gab es zudem einen antisemitisch geprägten Widerstand gegen die Relativitätstheorie.

SPIEGEL: Den Nobelpreis können maximal drei Personen erhalten, aber keine Institution. Erschwert das die Vergabe?

Blum: Ja, denn in den vergangenen Jahren sind Forschungsprojekte immer größer und globaler geworden. Die Arbeit mit Teilchenbeschleunigern funktioniert nur in milliardenschweren, internationalen Projekten. Auch beim Nachweis der Gravitationswellen vor zwei Jahren war es schwer, nur drei Forscher für den Preis auszuwählen. Solche großen Wissenschaftskooperationen nehmen zu. Das letzte Mal hat Anfang der Neunzigerjahre eine Einzelperson gewonnen. Das ist fast 30 Jahre her.

Georg Goebel/ picture-alliance

Treffen von Nobelpreisträgern 1951 in Lindau am Bodensee

SPIEGEL: Einige Forscher wurden immer wieder vorgeschlagen, haben aber nie gewonnen.

Blum: Stimmt. Der Deutsche Arnold Sommerfeld war zu Beginn des 20. Jahrhunderts an vielen fundamentalen Überlegungen zur Quantenphysik und Relativitätstheorie beteiligt. Er wurde Dutzende Male für den Nobelpreis vorgeschlagen, aber er hatte Pech und bekam ihn nie. Auch mehreren Frauen ist er versagt geblieben, etwa Lise Meitner. Es gab Gerüchte, dass sie sich im Exil in Schweden mit einem Komiteemitglied überworfen haben soll. Nach dem, was man weiß, fand das nicht auf einer fachlichen Ebene statt. Solche Strukturen öffnen natürlich der Diskriminierung Tür und Tor.

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SPIEGEL: Und was ist mit dem Fall von Chien-Shiung Wu?

Blum: Ja, ein fast schon tragischer Fall. Ihr gelang der Nachweis einer Theorie der Elementarteilchenphysik, die sogenannte Paritätsverletzung. Für die Theorie selbst wurden 1957 aber zwei Männer geehrt, die ihre Arbeit erst kurz vor dem Nobelpreis veröffentlicht hatten. Es war einer der schnellsten Ehrungen in der Geschichte des Preises, oft warten Forscher nach der Veröffentlichung einer wichtigen Arbeit jahrzehntelang. In diesem Fall wurde schnell reagiert und das wurde der Chinesin sozusagen zum Verhängnis. Denn sie veröffentlichte ihren Nachweis der Theorie nach der Deadline für den Preis im Februar. Und ein und dieselbe Theorie wird vom Komitee nie zweimal geehrt.

SPIEGEL: Eigentlich eine Entscheidung gegen die Grundsätze des Preises, oder? Laut dem Testament von Alfred Nobel sollen eigentlich diejenigen Forscher ausgezeichnet werden, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben. Viele Preise gingen aber an Theoretiker. Warum?

Blum: Die Akademie in Stockholm hatte es in den Anfangsjahren nicht leicht. Nach einigen sehr experimentellen Jahren mit dem etwas kuriosen Nobelpreis für ein interferenzbasiertes Verfahren zur Farbfotografie kam eine Zeit der großen theoretischen Umwälzungen in der Physik. Dieser Grundlagenforschung konnte man sich nicht entziehen. Viele praktische Anwendungen dieser Ideen waren damals noch unabsehbar. Aber über die Zeit gesehen wurde auch praktisch Anwendbares ausgezeichnet - die Entwicklung von Transistoren, 2014 die Dioden mit blauem Licht. Mein Tipp für die Zukunft: Auch die Forschung am gerade geleakten Google-Quantencomputer könnte ausgezeichnet werden.

SPIEGEL: Welchen Einfluss hat der Preis auf die Forschung?

Blum: Die großen Institute erhoffen sich natürlich möglichst viele Nobelpreise. Gut möglich, dass der Preis bei der Projektauswahl zumindest im Hinterkopf eine Rolle spielt. Aber dass gezielt erfolgreich auf den Nobelpreis hingeforscht werden kann, glaube ich nicht. Man hat heute manchmal den Eindruck, dass die einzelnen Fachrichtungen der Physik turnusmäßig den Preis zugesprochen bekommen.

SPIEGEL: Versuchen Forscher, die Preisvergabe zu beeinflussen?

Blum: Einige veröffentlichen ihre Arbeiten manchmal zu einem auffälligen Zeitpunkt. Als 2017 der Nachweis der Gravitationswellen ausgezeichnet wurde, hatten die Wissenschaftler kurz vor der Bekanntgabe des Nobelpreises noch eine ähnliche Arbeit publiziert. Den Zeitpunkt der Veröffentlichung darf man schon als kleine Werbeaktion in eigener Sache werten. Das sollte den entscheidenden Impuls geben. Es hat offenbar geklappt.

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