Wissenschaft

Erkenntnisse zur Seuche

Wie Europa die Pest besiegte

Die Pest tötete im Mittelalter Millionen Menschen. Bei späteren Ausbrüchen war man besser vorbereitet. Laut einer Studie halfen im 19. Jahrhundert schon schlichte Maßnahmen, die heute noch gelten.

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Pestbakterien wurden erst im späten 19. Jahrhundert entdeckt

Donnerstag, 18.04.2019   09:57 Uhr

Die Pest steht für Tod und Verderben. Sie gilt als eine der furchterregendsten Seuchen der Menschheitsgeschichte. Bis heute werden viele Weltregionen von ihr heimgesucht, 2017 starben etwa viele Menschen auf Madagaskar daran.

Vor allem im Mittelalter rafften zwei heftige Epidemien große Teile der europäischen Bevölkerung dahin: An der Justinianischen Pest starben im 6. Jahrhundert viele Millionen Menschen, dem Schwarzen Tod fielen im 14. Jahrhundert Studien zufolge bis zu 50 Prozent der Europäer zum Opfer.

Immerhin gilt Europa seit dem Ende des 20. Jahrhunderts als pestfrei. Die Gründe dafür und den Verlauf der jüngsten europäischen Seuche beschreiben Forscher um Barbara Bramanti von der Universität Oslo anhand zeitgenössischer medizinischer Berichte in den "Proceedings B" der britischen Royal Society.

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Die sogenannte Dritte-Pest-Pandemie begann im späten 19. Jahrhundert in China in der südwestchinesischen Provinz Yunnan. Sie verbreitete sich zwar weltweit, konnte aber in Europa über Jahrzehnte trotz vieler Ausbrüche nicht dauerhaft Fuß fassen - vor allem, weil damals die Hintergründe der Seuche erkannt wurden.

Von 1899 bis 1947 wurden knapp 1700 Erkrankungen und 457 Todesfälle registriert. Die meisten Opfer starben in den ersten Jahrzehnten, betroffen waren vor allem Städte mit See- oder Binnenhäfen, insbesondere Piräus, Marseille, Lissabon, London und Liverpool. Der jüngste Ausbruch traf 1945 die süditalienische Stadt Tarent, wo 30 Menschen erkrankten und 15 starben.

Das auslösende Pest-Bakterium hatte der schweizerisch-französische Arzt Alexandre Yersin in Hongkong identifiziert, wo die Seuche Ende des 19. Jahrhundert auftauchte. Es wurde nach dem Mediziner Yersinia pestis benannt. Yersin entdeckte auch die Verbindung der Krankheit zu Ratten, wenig später wurden Flöhe als Hauptüberträger des Erregers ermittelt.

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Von China aus erreichte die Pest weite Teile Südasiens, Australien, Nord- und Südamerika, Afrika und auch Europa. Doch dort waren die Gesundheitsbehörden durch frühere Ausbrüche anderer Infektionskrankheiten wie Cholera, Pocken und Tuberkulose gewarnt.

Als 1896 zwei Seeleute auf einem aus Indien kommenden Schiff in London an der Pest starben, beriefen die Behörden im Februar 1897 eine internationale Gesundheitskonferenz in Venedig ein. 1911 folgte eine weitere internationale Pest-Konferenz in der chinesischen Hafenstadt Shenyang, an der Experten aus elf Ländern teilnahmen, darunter Deutschland und Österreich-Ungarn

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Zur Vorbeugung wurden in Europa aus dem Ausland eintreffende Schiffe auf Pest-Hinweise geprüft - Inspektoren achteten auf Verdachtsfälle bei Menschen, aber auch auf tote Ratten, die hygienischen Bedingungen und den Zustand der Fracht. "Trotz der Regulierungen erlebte Europa während der Dritten Pandemie mehrere Pestausbrüche, aber die meisten davon waren klein", schreiben die Forscher.

Besonders achteten die Behörden auf Wanderratten (Rattus norvegicus) und die näher an Menschen lebenden Hausratten (Rattus rattus). Wie sehr die Nager zu der Seuche beitrugen, ist indes unklar. Zwar wurden immer wieder infizierte Ratten entdeckt, ihr Anteil an der Gesamtpopulation der Tiere schien jedoch überschaubar zu sein. Als etwa in der ostenglischen Grafschaft East Suffolk zwischen 1906 und 1918 regelmäßig Menschen an der Pest erkrankten, wurden binnen drei Jahren mehr als 266.000 Ratten gefangen - nur 60 davon seien wohl infiziert gewesen, schreibt das Team um Bramanti.

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"Insgesamt ist die Verbindung zwischen städtischen Nagetieren und der Pest bei Menschen während der Dritten Pandemie in Europa weniger klar als bei den Ausbrüchen in Indien und China", heißt es weiter. "Die niedrigen Zahlen Pest-infizierter Ratten während der europäischen Ausbrüche deuten darauf hin, dass sie bei der Übertragung der Pest eine relativ kleine Rolle spielten." Dies könne aber auch ein Grund dafür gewesen sein, so räumen die Autoren ein, dass die Pest in Europa vergleichsweise weniger Opfer forderte.

Klar war auch, dass Menschen sich auch über Zwischenwirte wie etwa Flöhe oder - insbesondere bei Lungenpest - direkt über Tröpfcheninfektion aneinander anstecken konnten. Insofern achteten die europäischen Behörden darauf, Patienten und ihre Kontaktpersonen zu isolieren, größere Versammlungen von Menschen zu verhindern und Hygienemaßnahmen zu empfehlen. Diese Maßnahmen wie Wasserversorgung, Kanalisation und den Einbau von Badezimmern in Wohnungen sehen die Forscher als Hauptgründe dafür, dass sich die Pest in Europa nicht festsetzte. "Zweifellos kann die Pest heutzutage die Katastrophen wie die des Schwarzen Todes im 14. Jahrhundert nicht mehr auslösen", schrieb der französische Arzt Adrien Proust schon 1897.

In vielen anderen Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika besteht die Pest jedoch bis heute fort - auch, weil der Erreger in der Tierwelt weiter vorkommt. "Heute führt das Überspringen der Pest aus diesen Reservoiren jedes Jahrzehnt zu Berichten über Tausende Pestfälle", schreiben Bramanti und Kollegen. "Der Mangel an Nagetier-Reservoiren in Europa ist der fundamentale Grund dafür, warum die Pest heute keine Gesundheitsbedrohung auf dem Kontinent mehr ist."

joe/dpa

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