Wissenschaft

Gegen die Korallenbleiche

Die Bremer Riff-Retter

Korallen stehen weltweit unter Dauerstress, besonders am Great Barrier Reef. Ein globales Sterben der Tiere hätte schlimme Folgen für die Menschen in den Tropen. Bremer Forscher wollen dagegen etwas tun.

ZMT/ Lisa Röpke
Von
Donnerstag, 01.12.2016   11:21 Uhr

Wenn Korallen unter Stress stehen, bleichen sie aus und sterben. Wenn Andreas Kunzmann unter Stress steht, hat er keine Zeit für Smalltalk. Seine Gedanken kreisen um die neuen Forschungsanträge. Bis Mitte Dezember müssen sie etwas vorweisen.

Andreas Kunzmann könnte es sich mit seinen 57 Jahren am Bremer Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT) gemütlich machen, ein wenig reisen, ein wenig forschen und zwischendurch Filterkaffee aus Thermoskannen trinken. Doch der Meeresökologe will das auf keinen Fall, spätestens seit dem verheerenden El Niño ist er alarmiert. Am nördlichen Teil des Great Barrier Reefs sind zwei Drittel aller Korallen tot, wie Forscher gerade erst dokumentiert haben.

Kunzmann hat eine Mission: Er will die Welt retten. Das sagt er zwar mit ironischem Unterton, aber man spürt, dass er es ernst meint. Und um die Welt zu retten, muss er die Korallen retten.

"Ich kann mir eine Welt ohne Koalas vorstellen"

Kunzmann ist kein Hobbytaucher im Laborkittel, der die Schönheit der Natur verklärt. Der Fischereibiologe sorgt sich vor allem um die Menschen. Und die brauchen die Korallenriffe als Schutzwall gegen Tsunamis, als Quelle für Medikamente - und als Kinderstube für Nutzfische und deren Nahrung.

"Ich kann mir eine Welt ohne Koalas vorstellen, ohne Korallen aber nicht", sagt er. Doch seit dem Korallensterben im Frühjahr ist sein Weltuntergangszenario ein gutes Stück näher gerückt. Wie konnte es dazu kommen? Und wie sieht eine mögliche Rettung aus?

Zunächst erst einmal winzig klein und durchsichtig. Im hinteren Teil des zweigeschossigen ZMT-Gebäudes stehen die Aquarien, vier Meter lang, einen halben Meter breit und 30 Zentimeter hoch mit künstlich angemischtem Meerwasser gefüllt. PH-Wert: 8,1, Temperatur: tropische 26,6 Grad. Hier ist das Reich von Lisa Röpke, Kunzmanns Mitarbeiterin.

Hobbytaucher können Korallen nicht retten

Röpke klettert auf eine Leiter zu einem der oberen Aquarien und betrachtet ihre Zöglinge: Winzige Korallen, die auf dafür vorgesehenen Tonscheibchen wachsen. Mittlerweile sind sie vier Monate alt. Röpke hat es als erste geschafft, die Hirnkorallenart Pocillopora damicornis aufzuziehen, "ein gewaltiges Gefühl, eines meiner tollsten Erlebnisse", sagt sie.

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Korallenzucht in Bremen: Bunte Unterwasserwelten im Aquarium

Als sie von der Scheibe des Aquariums mit einer alten Kreditkarte Dreck wegkratzt, bemerkt sie eine neue Larve, die sich am Glas angesiedelt hat.

"Letzte Nacht muss ein Ablaichen stattgefunden haben", sagt Röpke. Im Meer schießen die Korallen ihre Spermien und Eizellen genau im Mondzyklus ab, meistens vier Tage nach Neumond. Im Aquarium sind sie etwas aus dem Rhythmus gekommen.

Wenn sich ein Spermium und eine Eizelle treffen, entsteht eine Larve, und die siedelt sich dann neu an. Das ist sexuelle Fortpflanzung. Und die wollen Röpke und Kunzmann genau erforschen, um die Riffe zu retten.

Korallen können sich zwar auch asexuell fortpflanzen. Wenn Fische oder die Strömung einen Korallenarm abreißen, überlebt dieser und kann sich an einer anderen Stelle neu ansiedeln. Diese Ansiedlung können auch Taucher übernehmen - unter dem Motto: "Adopt a Coral". Das sei besser als nichts, sagt Kunzmann. Doch auch Tausende Freiwillige, die für 30 Euro Korallen ankleben, bleiben für ihn "ein Tropfen auf den heißen Stein".

Korallenbleiche am Great Barrier Reef

Die Riffe sind nämlich nicht einfach nur geschädigt, sondern quadratkilometerweise zerstört, vor allem nach der Korallenbleiche in Folge des El Niño im Frühling 2016. Korallen leben in einer Symbiose mit Zooxanthellen. Das sind kleine Algen, die die Korallen mit Nahrung versorgen und ihnen beim Skelettbau helfen, Kunzmann bezeichnet sie als deren "Kraftwerke".

Dafür bieten die Korallen den Algen einen geschützten Lebensraum. Wenn Korallen gestresst sind, stoßen sie die Zooxanthellen ab und sterben. Die Korallen verlieren ihre Farbenpracht - daher die Bezeichnung Bleiche.

Die Erwärmung durch El Niño war extrem stressig für die Nesseltiere. Das Wetterphänomen zog mit seinem warmen Wasser einmal durch den Ostpazifik, dann am Äquator entlang quer über Indonesien durch den ganzen Indik. Am Great Barrier Reef in Australien sind rund 93 Prozent der Korallenbänke von der Bleiche betroffen, die meist den Tod bedeutet.

NOAA/ CRW

Korallen unter Stress: Eine Karte aus dem April.

Doch es ist zu einfach, nur das warme Wasser für das Massensterben verantwortlich zu machen. "Eigentlich sind Korallen taff, die können einiges ab und stecken so eine Erwärmung locker weg", erklärt Kunzmann. "Aber wegen anderer Stressfaktoren sind sie sowieso schon am Limit."

Er vergleicht die Widerstandsfähigkeit der Korallen mit dem menschlichen Immunsystem: "Wenn ein Mensch ständig mit Bakterien beschossen wird, kann die Abwehr irgendwann nicht mehr. Dann haut ihn einfaches E. Coli um - obwohl die eigentlich immer in der Darmflora leben."

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Great Barrier Reef: Die große Bleiche

Wie kommt dieser Dauerbeschuss zustande? In den Tropen leben zwei Drittel der Menschen am Meer. "Viele fahren Boot, alle waschen sich und ihre Kleidung", sagt Kunzmann, der selbst acht Jahre in Indonesien gelebt hat. Diese Benzine und Waschmittel im Meerwasser seien neben "zig anderen lokalen Faktoren" eine beständige Belastung für die Korallen. Dazu kämen der globale Stress durch Klimawandel und Übersäuerung der Ozeane durch CO2.

Stabile Korallen aus dem Roten Meer

Was tun? Nachdem Kunzmann und Röpke in den vergangenen Monaten viel über die optimalen Fortpflanzungsbedingungen und bevorzugten Siedlungsoberflächen der Korallen herausgefunden haben, wollen sie nun widerstandsfähigere Tiere züchten und verbreiten.

Das könnte so aussehen, dass die Korallen geschützt vor Fressfeinden unter einem Unterwasserzelt siedeln und zwar auf kleinen vierbeinigen Gegenständen aus Keramik - sogenannten Tetrapoden, die Form ist unter anderem von Wellenbrechern und Panzersperren bekannt. Wenn die Korallen groß und stark genug sind, könnte man die Tetrapoden einsammeln und von Booten an bedrohten Riffen abwerfen. Die robusteren Tiere könnten dann nach und nach neue Korallenbänke formen - das zumindest wäre die langfristige Perspektive, an der derzeit etwa die Nichtregierungsorganisation "Secore" ("SExual COral REproduction") forscht.

Um die Idee umsetzten zu können, müssen die Wissenschaftler jedoch erst einmal wissen, welche Korallen besonders gut mit Stress klarkommen. Sie vergleichen deshalb einzelne Arten, die in verschiedenen Regionen wachsen: Im Golf von Aqaba im Roten Meer, am Great Barrier Reef in Australien und in Mosambik. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass die nördlichen Korallen aus dem Roten Meer mehr aushalten, als ihre Artgenossen am Äquator und in südlicheren Regionen.

Die Erdbevölkerung einschränken

Trotz der vielversprechenden Laborversuche seiner Assistentin bleibt Kunzmann skeptisch: "Selbst wenn wir im größeren Maßstab widerstandsfähigere Larven züchten und diese dann von Booten auf gefährdete Riffe setzen können - langfristig werden wir das Sterben nicht aufhalten können." Der Stress sei einfach zu groß.

Statt Korallen auszusiedeln, sollte man lieber radikal den Stress für die noch lebenden verkleinern. Das Problem dabei: Dazu müsste die Erdbevölkerung auf zwei Milliarden Menschen beschränkt werden, sagt Kunzmann. Unmöglich. Auf der Erde leben heute bereits mehr als sieben Milliarden.

"Aber das ist kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen", sagt Kunzmann und verabschiedet sich. Er muss sich um einen Projektantrag kümmern.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes stand, der pH-Wert in den Aquarien betrage 6,47. Das ist nicht richtig, er beträgt 8,1. Zudem wird behauptet, dass Lisa Röpke mit Korallen der Art Colpophyllia natans arbeitet. Tatsächlich handelt es sich jedoch um die Art Pocillopora damicornis. Unter Bild drei der Bilderstrecke war zudem angegeben, Andreas Kunzmann sei Mitgründer des ZMT. Das ist nicht richtig, Herr Kunzmann arbeitet aber seit der Gründung am ZMT.

insgesamt 8 Beiträge
thequickeningishappening 01.12.2016
1. Es ist zu spaet
Das Reef wird sich regenerieren. Allerdings nicht in unserem Zeitverstaendnis!
Das Reef wird sich regenerieren. Allerdings nicht in unserem Zeitverstaendnis!
spontanistin 01.12.2016
2. Im Einklang mit der Natur oder ..
.... weiterhin Profitmaximierung und Streben nach Extremen. Es gibt also zumindest eine Alternative! Jede Population mit exponentiellem Wachstum bricht früher oder später komplett zusammen. Eine bessere Strategie besteht darin, [...]
.... weiterhin Profitmaximierung und Streben nach Extremen. Es gibt also zumindest eine Alternative! Jede Population mit exponentiellem Wachstum bricht früher oder später komplett zusammen. Eine bessere Strategie besteht darin, ein sich den wechselnden Randbedingungen anpassendes dynamisches Gleichgewicht zu etablieren. Und selbst bei 2 Mrd. Menschen auf Mutter Erde (nach der industriellen Revolution) machten diese schon zu viel Stress und Dreck!
cindy2009 01.12.2016
3. @spontanistin
Welche konkrete Alternative meinen Sie genau?
Welche konkrete Alternative meinen Sie genau?
jmat17 03.12.2016
4. Alternative
Das ist, glaube ich, ganz einfach. Wie in dem Artikel angeführt, ist der größte umweltzerstörende Faktor der Mensch selbst. Also Sie könnten, wenn Sie die Welt retten wollen, für sich die "richtige" Alternative [...]
Zitat von cindy2009Welche konkrete Alternative meinen Sie genau?
Das ist, glaube ich, ganz einfach. Wie in dem Artikel angeführt, ist der größte umweltzerstörende Faktor der Mensch selbst. Also Sie könnten, wenn Sie die Welt retten wollen, für sich die "richtige" Alternative wählen.
cindy2009 04.12.2016
5. @jmat17
"----Bei meinen Toyotas waren die tatsächlichen Leistungen immer höher als die Werksangaben----" Selbstmord kann doch keine Lösung sein!
"----Bei meinen Toyotas waren die tatsächlichen Leistungen immer höher als die Werksangaben----" Selbstmord kann doch keine Lösung sein!

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