Wissenschaft

Klimawandelleugner

Drei Stammtischparolen - und wie Sie ihnen Paroli bieten

Der CO2-Anteil in der Atmosphäre ist viel zu gering, um das Klima verändern zu können - mit Behauptungen wie diesen können Klimawandelleugner einen schon mal ins Grübeln bringen. Wir klären auf - und liefern die Fakten zur Diskussion.

iStockphoto/ Getty Images

Die Bekämpfung des Klimawandels ist politisch und gesellschaftlich zu einem großen Diskussionsthema geworden - warum sich der Planet erwärmt, ist unter Wissenschaftlern jedoch unumstritten

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Sonntag, 22.09.2019   08:24 Uhr

Mythos 1: Klimaveränderungen gab es schon immer


Wenig Zeit? Am Ende des Abschnitts gibt's eine Zusammenfassung.


Das stimmt. Allerdings widerlegt die Aussage nicht, dass auch menschliche Emissionen Einfluss aufs Klima haben. Und nach allem, was man heute weiß, ist der menschengemachte Klimawandel Fakt. So zeigen Untersuchungen früherer Warm- und Kaltzeiten, dass diese sich deutlich vom jetzigen Temperaturanstieg unterschieden haben.

Unter anderem haben Forscher im Juli 2019 in mehreren Studien in den Fachmagazinen "Nature" und "Nature Geoscience" gezeigt, dass sich das Klima der Erde in den vergangenen zwei Jahrtausenden nie an so vielen Orten gleichzeitig erwärmt hat wie derzeit. Das ergaben Analysen alter Baumstämme.

Zu Beginn der kleinen Eiszeit, die vom 15. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert herrschte, sanken die Temperaturen demnach zunächst am stärksten im Zentral- und Ostpazifik. Erst im 17. Jahrhundert waren Nordwesteuropa und das südöstliche Nordamerika am stärksten betroffen.

Zum Vergleich: Der aktuelle Temperaturanstieg betrifft 98 Prozent der Erdoberfläche gleichzeitig.

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Auch Klimaextreme, die deutlich weiter in der Vergangenheit liegen als die zuletzt untersuchten 2000 Jahre, unterschieden sich vom aktuellen Klimawandel: Im Paläozän/Eozän-Temperaturmaximum vor ungefähr 56 Millionen Jahren stiegen die globalen Temperaturen um etwa sechs Grad. Der arktische Ozean hatte an der Oberfläche zeitweise 23 Grad Celsius.

Der entscheidende Unterschied zu heute: Das Klima veränderte sich damals über einen Zeitraum von mehreren Tausend Jahren. Zuletzt stieg die globale Temperatur innerhalb von gut hundert Jahren bereits um etwa ein Grad - und die Erwärmung entwickelte sich parallel mit dem zunehmenden CO2-Ausstoß.

Zusammengefasst: Es ist richtig, dass sich das Klima der Erde auch ohne menschlichen Einfluss verändern kann. Die entscheidende Frage ist aber, ob auch der aktuelle Wandel natürlich ist. Die Geschwindigkeit des Temperaturanstiegs und sein globales Ausmaß sprechen dagegen. Zudem zeigen Klimasimulationen, dass es ohne die menschengemachten CO2-Emissionen auf der Erde kälter wäre.

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Mythos 2: Der CO2-Anteil der Luft ist viel zu niedrig, als dass das Gas einen Effekt haben könnte


Wenig Zeit? Am Ende des Abschnitts gibt's eine Zusammenfassung.


Das klingt logisch, denn grundsätzlich gilt: Die Dosis macht das Gift, und die Atmosphäre besteht nur zu 0,04 Volumenprozent aus Kohlendioxid (CO2). Den mit Abstand größten Anteil haben Stickstoff und Sauerstoff (siehe Grafik unten). Und doch ist CO2 entscheidend für die Temperaturen auf der Erde.

Das liegt daran, dass Kohlendioxid als Treibhausgas im Gegensatz zu Stickstoff, Sauerstoff und dem dritthäufigsten Luftbestandteil, Argon, Wärmestrahlung aufnehmen kann. Geht es darum, wie viel Wärme auf der Erde gespeichert wird, sind die drei volumenmäßig wichtigsten Stoffe deshalb irrelevant. Damit wird CO2 in diesem Punkt zum wichtigsten Stoff.

Warm wird die Erde zunächst allein deshalb, weil die Sonne darauf scheint. Doch das reicht nicht, um für uns angenehme Temperaturen zu schaffen. Ohne die wärmereflektierenden Moleküle in der Atmosphäre würde ein Großteil der Sonnenwärme einfach wieder in den Weltraum zurückstrahlen. Statt bei 15 Grad Celsius läge die durchschnittliche Temperatur auf unserem Planten dann bei etwa minus 18 Grad Celsius.

Als Treibhausgas ist CO2 dazu in der Lage, einen Teil der zurückgestrahlten Wärme aufzunehmen und wieder zum Erdboden zu schicken. Dadurch steigt die Temperatur auf der Erde und bringt den Treibhauseffekt in Gang: Durch die Wärme verdampft verstärkt Wasser am Boden. Wolken bilden sich, die ebenfalls verhindern, dass Wärme ins All entweicht.

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Wächst der CO2-Gehalt in der Atmosphäre, verstärkt sich dieser Effekt - auch wenn der Anteil an der Luft insgesamt gering bleibt. Dass sich die Erde bei einem jährlichen Ausstoß von derzeit etwa 37 Milliarden Tonnen CO2 aufheizt, erscheint somit plausibel. Die amerikanische Ozeanbehörde Noaa macht CO2 allein für 81 Prozent der globalen Erwärmung verantwortlich, hinzu kommen weitere vom Menschen produzierte Treibhausgase wie Methan.

Zusammengefasst: Der CO2-Anteil in der Atmosphäre ist tatsächlich gering. Doch weil CO2 das häufigste Treibhausgas ist, hat es großen Einfluss auf das Klima. Indem es die von der Erde Richtung Weltall abgestrahlte Wärme in Teilen aufnimmt und wieder Richtung Erdboden schickt, erhöht Kohlendioxid die dortigen Temperaturen. Das führt dazu, dass auf der Erde mehr Wasser verdampft und sich mehr Wolken bilden, die dann zusätzlich die Wärme in der Atmosphäre halten. Der Effekt ist trotz der vergleichsweise geringen CO2-Menge so groß, dass er die Erde überhaupt erst lebensfreundlich macht. Steigt der CO2-Gehalt zu sehr, wird es allerdings ungemütlich.

Mythos 3: Selbst Klimaforscher sind uneinig, ob es den menschengemachten Klimawandel gibt


Wenig Zeit? Am Ende des Abschnitts gibt's eine Zusammenfassung.


Falsch. Fast alle Forscher, die zum Thema Klimawandel in anerkannten Fachzeitschriften publizieren, sind davon überzeugt, dass die Erwärmung vom Menschen angetrieben wird. So ergab eine Übersichtsstudie aus dem Jahr 2016, dass 97 Prozent der anerkannten Experten den Klimawandel für menschengemacht halten. Oder anders gesagt: Nur drei Prozent zweifeln daran.

Die Basis für die Zahl lieferte die Auswertung von gut 4000 Studien, in denen sich Forscher zu der Frage positioniert hatten. Arbeiten, in denen Wissenschaftler keine Position zum Thema hatten durchblicken lassen, wurden allerdings nicht berücksichtigt.

Dass die Zustimmung in der Fachgemeinde groß ist, zeigen auch die Berichte des Weltklimarates IPCC. Die Wetterorganisation der Uno (WMO) ermöglicht es sämtlichen Klimafachleuten, an dem Bericht mitzuarbeiten. Am fünften Sachstandsbericht des IPCC aus den Jahren 2013/2014 waren so mehr als 830 Experten beteiligt.

Obwohl Kompromisse bei so vielen Autoren die Regel sind, kommt der Bericht zu dem Schluss, dass der Einfluss des Menschen mit 95- bis 100-prozentiger Sicherheit die Hauptursache für den aktuellen globalen Temperaturanstieg ist.

Die Bundesregierung berichtete kürzlich sogar, dass mehr als 99 Prozent der Wissenschaftler, die Fachaufsätze zum Klimawandel veröffentlichen, die Erwärmung für menschengemacht halten. Dabei bezieht sie sich auf zwei Studien des Geologen James Powell (hier und hier), der bei der Auswertung von Zehntausenden von der Expertengemeinde geprüften Fachaufsätzen auf den Wert kam. Ob seine Methodik verlässliche Zahlen liefert, ist in der Fachwelt allerdings umstritten.

Detail am Rande: Die Aussage der Bundesregierung diente als Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD, die Zweifel an der 97-Prozent-Zustimmung geäußert hatte.

Zusammengefasst: Zwar sind Experten noch uneinig, wie viel Prozent der Klimafachleute genau davon überzeugt sind, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Fest steht aber: Es ist die große Mehrheit. Im letzten IPCC-Sachstandsbericht einigten sich so 830 Klima-Experten auf die Aussage, dass der Einfluss des Menschen mit 95- bis 100-prozentiger Sicherheit die Hauptursache für den globalen Temperaturanstieg ist.

insgesamt 456 Beiträge
Phil2302 22.09.2019
1. Andere Stammtischparolen
1. Es wäre wichtiger, Atomkraftwerke nicht abzuschalten und sofort Kohlekraftwerke abzuschalten. Das würde mehr bringen, als alle geplanten Änderungen im Verkehrswesen. 2. Verbrennungsmotoren von heute auf morgen zu verbieten, [...]
1. Es wäre wichtiger, Atomkraftwerke nicht abzuschalten und sofort Kohlekraftwerke abzuschalten. Das würde mehr bringen, als alle geplanten Änderungen im Verkehrswesen. 2. Verbrennungsmotoren von heute auf morgen zu verbieten, wie es FFF fordert, würde zu massivsten wirtschaftlichen Einbußen führen, und auch wenn den FFF Leuten dies egal ist, da sie sagen, dass man auf einem Toten Planeten ebenfalls arbeitslos sein wird, würde dies dem Ziel, das Klima zu retten, entgegenstehen, da die Menschen sich nicht mehr für Umweltpolitik interessieren würden, wenn sie ihre Rechnungen nicht mehr zahlen könnten. Punkt 3: Es bringt nichts, sich als Deutscher massiv einzuschränken (kein Auto, kein Fleisch, kein Fliegen, keine Kinder, eben alles, um CO2 neutral zu leben), wenn es praktisch keinen Einfluss auf das Klima hätte, wenn ALLE in Deutschland so handeln würden, weil andere Länder viel viel mehr CO2 in die Luft jagen. Das sind meine eigenen 3 Stammtischparolen, vielleicht bewertet sie mir ja jemand hier in Forum.
Andraax 22.09.2019
2. Dunning-Kruger ist mächtig!
"Stimmt doch alles nicht, weil blablabla" - "Der Spezialist von EIKE weiß alles besser" - "Alles von Interessengruppen geleitet um uns das Geld aus den Taschen zu ziehen" Wird hier alles zu lesen [...]
"Stimmt doch alles nicht, weil blablabla" - "Der Spezialist von EIKE weiß alles besser" - "Alles von Interessengruppen geleitet um uns das Geld aus den Taschen zu ziehen" Wird hier alles zu lesen sein.
notwencaasi 22.09.2019
3. Ergänzungen
Ein sehr schöner Beitrag, der sich noch beliebig um einige Punkte ergänzen ließe. Man hört beispielsweise häufig auch das Argument, CO2 sei eine wichtige Komponente für das Pflanzenwachstum (diese CO2-Fertilisation wird [...]
Ein sehr schöner Beitrag, der sich noch beliebig um einige Punkte ergänzen ließe. Man hört beispielsweise häufig auch das Argument, CO2 sei eine wichtige Komponente für das Pflanzenwachstum (diese CO2-Fertilisation wird allerdings von Klimaforschern berücksichtigt), sowie das klassische "Wir machen das Beste zum Feind des Guten"-Argument "Wir können ja eh kaum einen Unterschied machen, solange in China X Kraftwerke gebaut werden..." usw. - dabei wird ignoriert, dass es mittlerweile auch in China große Bestrebungen zur CO2-Bepreisung gibt, etc. Wer sich etwas länger mit der Materie beschäftigt hat, für den ist es leicht, die Argumente der Klimawandelleugner zu entkräften. Daher sind Artikel wie diese so wichtig und wertvoll.
coxeroni 22.09.2019
4.
Eine Argumentationsleitfaden für die Fanboys und Fangirls von Baerbock und Habeck, genial! Wird er noch erweitert um Kapitel wie "Versorgungssicherheit", "Auswirkung der höchste Strompreise in Deutschland auf die [...]
Eine Argumentationsleitfaden für die Fanboys und Fangirls von Baerbock und Habeck, genial! Wird er noch erweitert um Kapitel wie "Versorgungssicherheit", "Auswirkung der höchste Strompreise in Deutschland auf die Wettbewerbsfähigkeit" und "500 Mrd. Investitionen in die Energiewende - Deutschland erreicht Klimaziele trotzdem nicht"? Nur eine kleine Auswahl, die man dem Leitfaden beilegen sollte.
HansBarnville 22.09.2019
5. Leugner
Wissenschaft gehorcht nicht demokratischen Mechanismen. Somit lässt sich auch die Wahrheit nicht daraus ableiten, dass eine Mehrheit in der Wissenschaft eine bestimmte Ansicht vertritt. Es gab Zeiten, da war eine an 100% [...]
Wissenschaft gehorcht nicht demokratischen Mechanismen. Somit lässt sich auch die Wahrheit nicht daraus ableiten, dass eine Mehrheit in der Wissenschaft eine bestimmte Ansicht vertritt. Es gab Zeiten, da war eine an 100% gehende Mehrheit der Wissenschaftler der Ansicht, die Erde sei eine Scheibe, und die Sonne drehe sich um die Erde. "Leugner" dieser "Wahrheit" hatten mit ernsten Konsequenzen zu rechnen. Vor nicht einmal 100 Jahre war eine klare Mehrheit der Wissenschaft und der Ärzte der Ansicht, Homosexualität sei eine "Krankheit", die mit einer passgenauen Behandlung zu therapieren sei. Denken wir an die Zeit des Nationalsozialismus: Hätte bei einer entsprechenden Befragung nicht die überwältigende Mehrheit der Wissenschaft eine "Minderwertigkeit" der osteuropäischen Bevölkerung lauthals als "Wahrheit" bestätigt? Da vermutlich weder die Autorin noch die große Mehrheit unserer Politiker die komplexen mathematischen Modelle, die allen Klimaberechnungen zugrunde liegen, im Detail verstehen und damit beurteilen können, wäre ich mit den Begriffen "Leugner" und "Wahrheit" zurückhaltend – der Versuch, "Leugner" zu überzeugen, könnte sich sonst dem Vorwurf religiösen Eifers aussetzen.
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