Wissenschaft

Steigender Meeresspiegel

Die Flut vor der Haustür

Die Auswirkungen des Klimawandels sind groß - aber oft schwer greifbar. Eine Untersuchung in der US-Küstenstadt Annapolis zeigt nun ganz konkret, wie die Erwärmung das Leben schon heute beeinflusst.

Matt Rath/Chesapeake Bay Program

Dock Street in Downtown Annapolis, Maryland

Aus Washington berichtet
Freitag, 15.02.2019   20:14 Uhr

Der steigende Meeresspiegel ist schlecht fürs Geschäft. Schon heute. Konkret zeigt sich das zum Beispiel für 16 kleine Händler am Ufer der US-Stadt Annapolis. Als dort 2017 mehrfach Meerwasser über die Küstenbefestigung schwappte, kostete das Ladenbetreiber, Cafébesitzer und Gastwirte zwischen 86.000 und 172.000 Dollar (umgerechnet zwischen 76.000 und gut 152.000 Euro) - allein, weil Kundschaft fernblieb.

Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler um Miyuki Hino und Christopher Field von der Stanford University in einer aktuellen Studie im Fachmagazin "Science Advances", die sie auf der Wissenschaftskonferenz AAAS in Washington vorgestellt haben.

"2017 gab es 63 Tidehochwasser in Annapolis", sagt Field. Solche Überschwemmungen dauern nur kurz an und richten in der Regel wenig Schaden an. Bei Flut tritt Wasser über die Ufer und läuft auf Gehwege, Parkplätze und in Straßen. Mit der Ebbe zieht es sich wieder zurück. Im Gegensatz zu den Auswirkungen großer Stürme sind die wirtschaftlichen Folgen allerdings kaum bekannt.

In Deutschland leben 3,2 Millionen Menschen in Risikogebieten

"Als Einzelereignis sind Tidehochwasser ziemlich unspektakulär", sagt Field. "Bedenkt man aber, dass sie in zahlreichen Städten vorkommen und mit dem Anstieg des Meeresspiegels immer häufiger werden, darf man ihren Einfluss auf die lokale Wirtschaft nicht unterschätzen." Annapolis ist da nur ein Beispiel, tatsächlich sind viele weitere Städte betroffen.

2017 hat die amerikanische Ozeanbehörde NOAA die Anzahl der Tidehochwasser an 27 Orten in den USA ausgewertet. Während es dort in den späten Fünfzigern im Schnitt nur an 2,1 Tagen Tidehochwasser gab, lag der Wert in den Jahren zwischen 2006 und 2010 bei 11,8. Forscher gehen davon aus, dass es im Jahr 2035 in knapp 170 US-Küstenstädten mehr als 26 solcher Überschwemmungen geben wird. Wie hoch die Verluste für Geschäfte außerhalb Annapolis sind, muss noch erforscht werden.

"Oft sehen wir die Erderwärmung und den Meeresspiegelanstieg als eine abstrakte Sache, die auf globaler Ebene passiert", sagt Hino. "Tidehochwasser sind ein Beispiel, wie sich Veränderungen durch den Klimawandel auf unseren Alltag auswirken - auch, wenn es nur um eine zusätzliche geplatzte Reservierung im Restaurant geht."

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Auch in Deutschland sorgen sich Experten um den steigenden Meeresspiegel. Dabei geht es aber vor allem um Sturmfluten. In von Überschwemmungen bedrohten Gebieten an der Nord- und Ostseeküste leben laut einer Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Diensts des Bundestags etwa 3,2 Millionen Menschen. Riesige neue Deichesollen verhindern, dass sich das Wasser dort das Land zurückholt.

Die Fluten vertrieben 3000 Besucher

Die US-Stadt Annapolis bot den Forschern beste Bedingungen für Untersuchungen zu den konkreten Auswirkungen von Tidehochwassern. Die Hauptstadt des Bundesstaats Maryland hat gut 39.000 Einwohner und liegt in der Chesapeake Bay am Atlantik. Unmittelbar am Wasser befinden sich historische Gebäude mit kleinen Geschäften und einem kostenpflichtigen Parkplatz (siehe Karte). Die Zahl der Tidehochwasser hat dort in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen - von ungefähr vier Ereignissen pro Jahr in den Sechzigern auf 63 im Jahr 2017.

Um herauszufinden, wie sich die vielen Überschwemmungen im Jahr 2017 auf die Besucherzahl ausgewirkt haben, werteten die Forscher die Parkuhren auf dem Parkplatz aus. "So konnten wir auf die Stunde genau sehen, wie viel zu welcher Zeit los war", erklärt Hino. Wann genau Wasser auf dem Parkplatz stand, verriet ihnen eine Überwachungskamera. Die Forscher verglichen die Besucherzahl an Tagen mit und ohne Flut und errechneten die Differenz.

"Wir haben geschaut, wie viele Besucher beispielsweise an einem normalen sonnigen Dienstagmittag im Oktober auf dem Parkplatz standen und wie viele es unter gleichen Bedingungen bei Überschwemmung waren", so Hino.

Demnach verloren die Läden in den Stunden der Flut 3000 Besucher. Hinweise, dass die Kunden ihren Einkauf bei Ebbe nachgeholt haben, fanden die Forscher nicht. Der Wert entspricht damit einem Besucherrückgang von ungefähr zwei Prozent - und die Einbußen könnten in den kommenden Jahren noch größer werden:

Zum Vergleich: Experten in den USA gehen davon aus, dass der Meeresspiegel bis zum Jahr 2050 gegenüber dem Wert von 2000 um ungefähr 15 bis 36 Zentimeter ansteigt. Die Szenarien der Forscher erscheinen somit durchaus realistisch. Annapolis überlegt, die Geschäfte künftig mit Hilfe von Pumpen und Kanälen vor Hochwasser zu schützen.

insgesamt 143 Beiträge
richey_edwards 15.02.2019
1. Ist kein grosses Problem,
Tokyo musste 5m ausgleichen weil die Stadt abgesackt ist. Nicht besonders schwierig, Aber selbst wenn dann werden wir das sicher nicht verhindern indem wir aus der Kohle aussteigen, Elektroautos kaufen oder Energiesparlampe [...]
Tokyo musste 5m ausgleichen weil die Stadt abgesackt ist. Nicht besonders schwierig, Aber selbst wenn dann werden wir das sicher nicht verhindern indem wir aus der Kohle aussteigen, Elektroautos kaufen oder Energiesparlampe nutzen. Sicher nicht.
bedireel 15.02.2019
2.
Der Club of Rome hat in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts geunkt, das Empire State Building würde knapp 10 Jahre später ganz und gar unter Wasser stehen und New York unbewohnbar sein? Passiert ist nichts. Ich war vor [...]
Der Club of Rome hat in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts geunkt, das Empire State Building würde knapp 10 Jahre später ganz und gar unter Wasser stehen und New York unbewohnbar sein? Passiert ist nichts. Ich war vor nicht langer Zeit oben auf der Plattform des ESB , und mir lag diese faszinierende Stadt zu Füßen. Das Schöne für die selbsternannten “Experten” ist doch, dass sie - wenn sie das sich ihrer Meinung nach stark verändernde ( durch Menschen verursacht) Klima und die sich daraus ergebenen Katastrophenszenarien, wie beispielsweise Überschwemmungen, prophetisch voraussagen - nicht mehr für deren Wahrheitsgehalt einstehen müssen. Denn bis dahin haben sie diesem geschundenen Globus schon lange Adieu gesagt. Mir scheint dieses Ängste schürende Szenario eher dazu angetan zu sein, die Bevölkerung von den sie wirklich bedrohenden Problemen wie grenzenlose Zuwanderung, ausufernde Kriminalität und Euroirrsinn abzulenken. Das scheint ja auch noch ganz gut zu klappen. Der Klimawandel sei von Menschen gemacht. - Mag sein. Doch man fragt sich: wie hat der Neandertaler bloß die Eiszeit zustande gebracht? M.f.G. M.f.G.
Deep_Thought_42 15.02.2019
3. Andere Länder bauen Deiche !
Es wundert mich immer wieder, wie wenig in den USA gegen Naturkatastrophen getan wird. Deiche sind weitgehend Fehlanzeige, ich kenne die gesamte Ostküste von Key West bis Maryland sowie die Küsten um New York und weiter [...]
Es wundert mich immer wieder, wie wenig in den USA gegen Naturkatastrophen getan wird. Deiche sind weitgehend Fehlanzeige, ich kenne die gesamte Ostküste von Key West bis Maryland sowie die Küsten um New York und weiter nordwestlich. Auch Hurricane-Gebiete könnte man besser schützen. Die größten Schäden entstehen nach Durchgang des Sturms, wenn Strommasten umgeknickt sind und demzufolge der Strom ausfällt, allein was da in den Tiefkühltruhen vergammelt ... Die Situation ließe sich durch unterirdisch verlegte Stromkabel relativ leicht beheben, das wird aber aus Kostengründen nicht gemacht. So fahren z.B. aus allen Nachbarstaaten Hunderte von diesen Trucks mit Hebebühnen nach jedem durchgezogenen Hurricane nach Florida, um die überirdischen Stromleitungen zu flicken. Das dauert oft Wochen. Wenn die Pegel steigen, muss man etwas tun !
brathbrandt 15.02.2019
4.
Die Kurve, die den Anstieg des Meeresspiegel zeigt, hat sich in den letzten 100 jahren nicht auffallend verändert. Vor 20.000 Jahren war der Meeresspiegel 100m (!) tiefer. Vor 10.000 Jahren waren es noch 10m. Nun steigt es kaum [...]
Die Kurve, die den Anstieg des Meeresspiegel zeigt, hat sich in den letzten 100 jahren nicht auffallend verändert. Vor 20.000 Jahren war der Meeresspiegel 100m (!) tiefer. Vor 10.000 Jahren waren es noch 10m. Nun steigt es kaum noch an. Diese Kurve ist übrigens eines der Argumente, die gegen menschengemachte Erderwärmung aufgeführt werden.
merk! 15.02.2019
5. Kompletter Schwund des Antarktiseises
bedeutet 58 Meter Meeresspiegelanstieg. Also, das dürfte die neue Messlatte sein. Viel Spass!
bedeutet 58 Meter Meeresspiegelanstieg. Also, das dürfte die neue Messlatte sein. Viel Spass!

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