Wissenschaft

Zucht von Superkorallen

"Wir beschleunigen die Evolution"

Die immer wärmeren Ozeane lassen Korallen weltweit absterben. Sind die Nesseltiere überhaupt noch zu retten? Auf Hawaii suchen Biologen nach einer Antwort.

AP
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Donnerstag, 04.05.2017   11:00 Uhr

Am Anfang der tödlichen Krankheit sind nur die äußersten Spitzen einer Korallenkolonie weiß wie Schnee. Aber wenn das Meerwasser um sie herum nicht bald abkühlt, dann schreitet die Bleiche voran, dann frisst sich dieses Weiß immer weiter in die Korallenkolonie hinein, dann stirbt eine Koralle nach der nächsten ab, bis nur noch tote Kalk-Skelette übrig sind.

Dieses Massensterben hat sich vergangenes Jahr auf Riffen rund um den Globus abgespielt: vor den Malediven, in der Karibik, vor Thailands Trauminsel Ko Phi Phi Don, oder vor Hawaii. Und jetzt passiert es schon wieder - ausgerechnet am größten und berühmtesten Riff der Erde. Das Great Barrier Reef vor Australien erlebt gerade seine zweite verheerende Bleiche binnen weniger Monate. Den Paradiesgärten der Meere, Lebensraum für ein Viertel aller Fischarten weltweit, droht der Exitus.

Ruth Gates will es nicht mehr mitansehen. "Es ist der Klimawandel, das haben wir Wissenschaftler wieder und wieder bewiesen", sagt die Direktorin des Hawaii Institute of Marine Biology der University of Hawaii. Seit über drei Jahrzehnten forscht die Mittfünfzigerin an Korallen, sie ist eine weltweit anerkannte Koryphäe. Doch zu analysieren und zu mahnen reicht ihr nicht mehr: "Die Natur kann sich an veränderte Umweltbedingungen anpassen, aber nicht in diesem Tempo. Also müssen wir die Evolution beschleunigen."

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Nesseltiere: Die Korallenzüchter aus Hawaii

Gates will Superkorallen züchten. Sie und ihr gut 20-köpfiges Team versuchen im Labor Korallen heranzuziehen, die mit der Erwärmung der Ozeane und deren Versauerung durch Kohlendioxid besser fertig werden als die natürlichen Spezies. "Wir tunen die Biologie", sagt die burschikose Britin.

Dazu selektiert sie auf der Laborinsel Coconut Island vor Hawaii die widerstandsfähigsten Exemplare und kreuzt diese miteinander - mit dem Ziel, eines Tages Millionen dieser Retortenkorallen in den Weltmeeren auszusetzen. Ihr Hauptsponsor, der Microsoft-Mitbegründer Paul Allen, stellt dafür vier Millionen US-Dollar bereit. Eine Rekordsumme in der Geschichte der Korallenforschung.

Aber welche Folgen hätte dieser Eingriff in die Unterwasserwelt? Könnten die Hawaiianischen Superkorallen auch in anderen Meeren überleben? Würden sie die natürlichen Korallen verdrängen? Wie würden Fische, Wasserpflanzen und all die anderen Riffbewohner reagieren? Verändern die Retortenkorallen für immer das empfindliche Ökosystem?

Sensible Symbiose

Von Anfang an war Gates' Projekt in der Wissenschaftsgemeinde hoch umstritten. "Monsanto der Korallenriffe" haben Kritiker ihr Labor genannt. "Sollen wir lieber gar nichts zu tun und dem Niedergang zusehen?", kontert die Forscherin. "Wissen Sie, es ist wie mit einem Medikament gegen eine gefährliche Krankheit: Wenn Sie das einnehmen, haben sie eventuell Nebenwirkungen. Aber wenn Sie es nicht nehmen, sterben Sie sicher."

Der Klimawandel droht die tropischen Korallenriffe zu vernichten. Steigende Wassertemperaturen destabilisieren die Symbiose zwischen den Korallen und den Zooxanthellen: winzigen einzelligen Algen, die auf ihrem Gewebe leben. Diese Algen versorgen die Korallen mit Energie und verleihen ihnen die bunten Farben.

Wird das Wasser aber zu warm, produzieren die Mitbewohner Giftstoffe und werden von der Koralle abgestoßen. Die Koralle bleicht aus, wird geschwächt. Kühlt sich das Wasser nicht binnen weniger Wochen ab und kehren die Zooxanthellen nicht zurück, so stirbt sie.

Dauerstress am Riff

Schon ein weltweiter mittlerer Temperaturanstieg um 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter werde die Hälfte aller Riffe zerstören, prognostizierten das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und die australische University of Queensland 2012 in einer Studie. Bei zwei Grad plus würden Korallen "nicht mehr länger prominenter Teil unserer Küsten-Ökosysteme sein werden", schrieben die Forscher. 2016 lag die mittlere Temperatur schon 1,1 Grad über dem Durchschnitt des 20. Jahrhunderts.

Ruth Gates hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Sie ist nach Hawaii gekommen, weil es in der Kane'ohe-Bucht vor Coconut Island besonders stressresistente Korallen gibt. Jahrzehntelang verdreckten ungeklärte Abwässer diese Bucht, später ereigneten sich hier mehrere Bleichen.

Doch nun ist das Wasser sauber, und einige Korallenarten haben alles überlebt. Sie sind das Ausgangsmaterial für die Forscher, denen es im vergangenen Sommer gelang, Nachkommen zu züchten: Minikorallen, teils nur so groß wie Reiskörner.

Ziel: Superathleten

Parallel dazu versuchen die Wissenschaftler, die Korallen noch widerstandsfähiger zu machen. Dafür erwärmen das Wasser in den Labortanks um ein paar Zehntel Grad oder senken den pH-Wert ab. Es läuft nach dem Motto: was die Korallen nicht umbringt, macht sie stärker.

"Wir selektieren die Besten, trainieren sie, ernähren sie gut und paaren sie mit anderen Sportlern: in der Hoffnung, dass Superathleten heraus kommen", sagt Gates. Ähnlich gehen Biologen am Bremer Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie vor, die besonders widerstandsfähige Korallen auf Tonscheibchen züchten.

Um herauszufinden, was bestimmte Korallen besonders stressresistent macht, lässt Gates auf Hawaii auch deren Genome entschlüsseln. Eine Manipulation der Gene von Korallen plant sie derzeit nicht. Sie schließt genetische Eingriffe langfristig aber auch nicht aus.

Foto: REUTERS/ Australian Research Council/ Coral Reef Studies

Aber darf der Mensch die Natur so verändern? "Jedes Haustier und jedes Gemüse auf unserem Esstisch sind gezüchtet, unser Fleisch und die Milch kommen von Zuchttieren", erwidert Gates: "Der Mensch verändert seine Umwelt seit Tausenden Jahren, und wir werden diesen Planeten nicht in irgendeinen früheren Zustand zurück versetzen können."

Seit einigen Monaten lässt die Kritik am Projekt spürbar nach: die verheerenden Korallenbleichen bringt viele Skeptiker von einst zum Umdenken. Zugleich aber setzt das Massensterben die Forscher auch unter Druck, schnell Lösungen zu finden.

Gates' Team hat kürzlich einen herben Rückschlag erlebt: alle Zöglinge des vergangenen Jahres sind tot. Winzige Nacktkiemerschnecken kamen unbemerkt in die Labortanks und fraßen die Minikorallen auf. Nun müssen die Forscher neue züchten; das kostet Zeit.

Selbst wenn es gelingen sollte, tatsächlich bald die Superkoralle zu erschaffen, stellen sich dann neue praktische Fragen: Wie stellt man Milliarden Retortenkorallen her? Und wie setzt man sie in die Weltmeere aus? Allein das Great Barrier Reef ist gut 2300 Kilometer lang: das ist in etwa die Strecke von Kiel nach Madrid.

"Es wäre für die Welt besser, wenn die Menschheit ihre Emissionen drastisch senken und den Klimawandel aufhalten würde", sagt Ruth Gates. Darauf aber hat sie keinen Einfluss. Also will sie in ihrem Fachgebiet alles tun, was sie kann, um das Aussterben der Korallen zu verhindern. Und das ist allemal besser als den Niedergang hinzunehmen.

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