Wissenschaft

Katastrophenschutz

Karten sagen Risiko von Sturzfluten vorher

Viele Orte in Deutschland sind von Sturzfluten bedroht, doch Betroffene sind ahnungslos. Dabei zeigen Karten das Risiko. Die liegen aber unbeachtet auf einer Computerfestplatte, berichtet ein Forscher.

SPIEGEL ONLINE
Ein Interview von
Freitag, 15.07.2016   10:31 Uhr

Das Wasser kam plötzlich. Binnen Minuten schwollen die Fluten auf den Straßen von Braunsbach, Schorndorf, Xanten und anderen Orten. Im Mai und Juni rissen Gewitterfluten dort vielerorts Autos mit, verwüsteten Häuser und töteten und verletzten Menschen.

Zwar hatten Wetterdienste vor Unwettern gewarnt. Doch die betroffenen Siedlungen waren nicht vorbereitet auf Sturzfluten.

Dabei liegen sie alle in der "blauen Zone": Karten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zeigen, wo sich bei Regen das Wasser sammelt: In Niederungen, die auf den Karten blau gekennzeichnet sind.

Das Problem: Die Karten hängen nicht in Rathäusern, bei Feuerwehr oder Katastrophenschutz - sondern liegen bei den DLR-Forschern auf der Computerfestplatte. Bislang hätte kaum Interesse an einer Verwendung bestanden, berichtet DLR-Forscher Thomas Krauß.

Die Flutkatastrophen dieses Sommers aber haben gezeigt, dass gerade Bewohner in Ortschaften abseits großer Flüsse die Gefahr nicht ahnen, sie wurden von den Sturzfluten überrascht. Krauß erklärt im Interview, wie die Gefahr rechtzeitig erkannt werden könnte.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Krauß, Ihre Karten scheinen simpel: Rote Gebiete liegen höher, von dort fließt das Wasser bei Regen in die gelben, dann in die grünen und schließlich in die blauen Regionen, die am tiefsten liegen. Braucht es wirklich solche Karten? Wissen denn Talbewohner nicht, dass sie in einer Risikozone leben?

Xanten (Blau = Risikozonen bei Starkregen):

Thomas Krauß: In Siedlungen an Flussläufen ist das Risiko tatsächlich meist bekannt. Dort tritt das Wasser immer mal über die Ufer, sodass Deiche und andere Schutzwälle gebaut wurden. Doch in Tälern abseits der großen Ströme werden Ortschaften von Fluten meist überrascht, so wie vielfach in den vergangenen Wochen. In solchen unvorbereiteten Gebieten, wo bei Sturzregen Fluten abgehen können, ereignen sich extrem teure Katastrophen, wie Statistiken belegen. Auf unseren Karten können Betroffene sehen, dass sie in der Gefahrenzone liegen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen sollten Orte in der blauen Zone ziehen?

Thomas Krauß: Sie sollten ein Abflusssystem für Starkregenfälle und gegebenenfalls Dämme bauen. Außerdem dürften sie möglichst keine Baugenehmigungen in blauen Bereichen erteilen - bei Neuausweisung von Bauflächen sollten die Karten einbezogen werden. Es fällt auf, dass Altstädte oft auf Anhöhen stehen, neuere Stadtteile hingegen in die Täler wuchern.

Schorndorf (Blau = Risikozonen bei Starkregen):

SPIEGEL ONLINE: Aber sind Ihre Karten nicht sehr ungenau? Nur alle 25 Meter zeigen sie einen Messpunkt, der die Höhe des Geländes angibt. Sinnvolle Aussagen über die Fließrichtung von Regenwasser lassen sich also nur grob treffen, für Gebiete von mehreren hundert Metern Ausdehnung. Blockierende Gebäude oder kanalisierende Straßen fallen durchs Raster.

Thomas Krauß: Ja, die Karten bieten lediglich eine erste Orientierung. In Großstädten bestimmen vor allem Bauten, wohin das Wasser fließt, nicht unbedingt die Geländeform. Die Karten erlauben es aber Behörden und Versicherungen, Gebiete in Risikoklassen einzuteilen. Alle Regionen werden damit vergleichbar.

SPIEGEL ONLINE: Um sich zu schützen, benötigen Risikogebiete also weitere Informationen?

Foto: SPIEGEL ONLINE

Thomas Krauß: Ja. Würden zusätzlich Kanalisation, Gebäude, Bordsteine, Tiefgaragen, die Sättigung des Bodens, U-Bahnen und Straßen berechnet, ließen sich zusammen mit Wettersimulationen Gefahrenszenarien für einzelne Straßenzüge errechnen.

SPIEGEL ONLINE: In Simbach war es vor einigen Wochen ein mit Treibgut verstopftes Kanalrohr, was die Flutkatastrophe in dem bayerischen Ort auslöste.

Thomas Krauß: Solch konkrete Gefahren können natürlich nur vor Ort ausfindig gemacht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Karten eigentlich entwickelt?

Thomas Krauß: Die Karten beruhen auf Satellitendaten und auf Landvermessungen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie getestet, ob sie das Fließen von Regenwasser tatsächlich realistisch vorwegnehmen?

Thomas Krauß: Bisherige Flutereignisse bestätigen unsere Analyse. Unter anderem haben wir unsere Ergebnisse anhand eines Starkregenereignisses im vergangenen Sommer in Münster abgleichen können.

Der Autor auf Twitter:

Hier finden Sie weitere Risikokarten:

Wohin das Wasser fließt

insgesamt 34 Beiträge
bstendig 15.07.2016
1. Typisch Wissenschaftler
Sie "schaffen" zwar das Wissen, teilen es aber nur ungern, wenn es nicht gerade die Quadratur des Kreises ist. Wozu bezahlt der Steuerzahler den ganzen Mist? Ich würde mir wünschen, dass so was einfach im [...]
Sie "schaffen" zwar das Wissen, teilen es aber nur ungern, wenn es nicht gerade die Quadratur des Kreises ist. Wozu bezahlt der Steuerzahler den ganzen Mist? Ich würde mir wünschen, dass so was einfach im Internet veröffentlicht wird - wird ja sonst auch jeder Mist veröffentlicht. Und dann finden sich schon Menschen, die das interessiert. Also liebe Wissenschaftler, schafft mehr Wissen.
marathoni 15.07.2016
2. Im Prinzip
ist das alles länger bekannt. Aber die Gemeinden selbst weissen weiterhin fleissig Bauland in Überschwemmungsgebieten aus und dann wundert man sich wenn was passiert... Und wenn es nach der Flut konkrete Bestrebungen gibt beim [...]
ist das alles länger bekannt. Aber die Gemeinden selbst weissen weiterhin fleissig Bauland in Überschwemmungsgebieten aus und dann wundert man sich wenn was passiert... Und wenn es nach der Flut konkrete Bestrebungen gibt beim Hochwasserschutz etwas in Form von Dämmen und ähnlichem zu unternehmen sind schnell Bürgerinitiativen (Ein Damm vor meinem Haus?) oder Umweltschützer am Start. Gerne mit dem Argument. Das war ja ein "Jahunderthochwasser" das nächste kommt dann erst wieder in hundert Jahren (erleb ich also nicht mehr)...
kayakclc 15.07.2016
3. Das liebe Geld
Naturlich wollen Kommunen wenig wissen von solchen Karte. Dann können sie hinterher die Ahnungslosen spielen. Sonst müssten sich die Bürgermeister und Landräte fragen lassen, warum sie zwar viel Geld als Zwangsgebühren für [...]
Naturlich wollen Kommunen wenig wissen von solchen Karte. Dann können sie hinterher die Ahnungslosen spielen. Sonst müssten sich die Bürgermeister und Landräte fragen lassen, warum sie zwar viel Geld als Zwangsgebühren für die Abwassenenstorgen von den Bürgern einnehmen, aber eben nich für den Hochwasserschutz von zu betonierten Flächen getan haben. Auch kann man den lokalen Freunden dann weniger gut "helfen", irgendein Ackerland zu Bauland umzuwandeln, das nur mal leider in einer hochwassergefährdeten Zone liegt. Nicht wissen eröffnet hier auch schöne Geschäftsfelder für die Profiteuer aus Bauwirtschaft und Grundbesitzer (Bauern). So sind die naiven Käufer von Immobilien die dummen, was soweit gehen kann, dass das Haus nicht mehr versicherbar ist, und bei der nächsten Flut ein wirtschafliche Totalschaden ist.
der_rookie 15.07.2016
4. Hm
Und wo sind die vollständigen Daten / Karten für Deutschland veröffentlicht? So dass ich als Normalbürger mir meine persönliche Umgebung ansehen kann - gerade wenn ich einen Umzug plane?
Und wo sind die vollständigen Daten / Karten für Deutschland veröffentlicht? So dass ich als Normalbürger mir meine persönliche Umgebung ansehen kann - gerade wenn ich einen Umzug plane?
whitewisent 15.07.2016
5.
Was nützt das beste Wissen von Wissenschaftlern, wenn sich Bürger, Verwaltungen und Politiker einen feuchten Dreck drum scheren? Es wird seit Jahrzehnten davor gewarnt, daß Flächenversiegelungen, Begradigungen von [...]
Zitat von bstendigSie "schaffen" zwar das Wissen, teilen es aber nur ungern, wenn es nicht gerade die Quadratur des Kreises ist. Wozu bezahlt der Steuerzahler den ganzen Mist? Ich würde mir wünschen, dass so was einfach im Internet veröffentlicht wird - wird ja sonst auch jeder Mist veröffentlicht. Und dann finden sich schon Menschen, die das interessiert. Also liebe Wissenschaftler, schafft mehr Wissen.
Was nützt das beste Wissen von Wissenschaftlern, wenn sich Bürger, Verwaltungen und Politiker einen feuchten Dreck drum scheren? Es wird seit Jahrzehnten davor gewarnt, daß Flächenversiegelungen, Begradigungen von Wasserläufen und deren Kanalisierung das Risiko fördern. Genauso wie ein Blick in die Zeitungsarchive der letzten 100 Jahre möglich ist, wo von Unglücken berichtet wird. Der Drang zum Eigenheim steht über allem. Umwelt- und Naturschützer werden als Spinner und Neider abgetan. Und Orte wie Grimma, Ratzdorf und Hitzacker zeigen doch die Unvernunft, das selbst beim Wissen um die regelmäßige Gefahr mit Geld und Technik versucht wird, weiter im Überschwemmungsgebiet zu siedeln. Und egal ob Oder, Elbe oder Donau - allen Überschwemmungen war gleich, daß anschließend Bürgermeister, Politiker, Anwohner wie Anlieger mutig und tatendurstig verkündeten, die Schäden beseitigen zu wollen, und trotz gerade erlittenem Unbill genau an der selben Stelle wieder aufbauen und renovieren zu wollen. Der Mensch ist und bleibt dumm, wenn es um seinen Eigennutz geht.

Mehr im Internet

Verwandte Themen

Anzeige

Anzeige

Bauernregel-Quiz

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP