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Der Supersauger

Ein Satellit hat die japanische Insel Honshu aufgenommen, nachdem Taifun "Hagibis" dort schwere Schäden angerichtet hat. Gleich mehrere Besonderheiten verliehen dem Sturm seine zerstörerische Kraft.

NASA

Honshu: Japans größte und am stärksten besiedelte Insel nach Sturm "Hagibis"

Montag, 21.10.2019   04:35 Uhr

Dutzende Tote, Hunderte Verletzte, Sachschäden an mindestens 10.000 Häusern - Taifun "Hagibis" hat in Japan schwere Schäden hinterlassen.

Wirbelstürme sind in der Region nichts Ungewöhnliches, doch "Hagibis" vereinte gleich mehrere ungewöhnliche Eigenschaften, die ihm seine Zerstörungswucht verliehen haben.

Meteorologen zufolge war unter anderem der Ort, an dem der Sturm auf Land traf, ein entscheidender Faktor für seine zerstörerische Kraft: In der Regel erreichen Taifune zunächst den Süden des Staates und schwächen sich stark ab, bis sie ins Zentrum der größten und am stärksten bewohnten Insel Japans gelangen. Auf Honshu befindet sich auch die japanische Hauptstadt Tokio.

"Hagibis" blieb jedoch länger auf dem Wasser als die üblichen Stürme und traf schließlich am 12. Oktober nur 130 Kilometer von Tokio entfernt auf Land. Durch seinen langen Aufenthalt über dem Meer konnte der Taifun viel Energie sammeln. Die Folge waren die heftigsten Regenfälle, die ein Taifun je nach Japan gebracht hat.

Aus Blau wurde Braun

Der Nasa-Erdbeobachtungssatellit "Aqua" hat die Insel Honshu am 13. Oktober fotografiert, nachdem die letzten Sturmausläufer nach Nordosten abgezogen waren. Die Aufnahme zeigt die Region in natürlichen Farben. Tokio ist als ausgedehnte graue Fläche in der Bildmitte zu erkennen. Flüsse und Küstengewässer, die normalerweise in klarem Blau erscheinen, sehen braun aus.

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Satellitenbild der Woche: Schnappschüsse aus dem All

Der heftige Regen hatte Sedimente in den Wasserläufen aufgewirbelt. An Dutzenden Stellen stürzten Flussufer ein. Die Wassermassen trugen Erde und Schlamm in mehrere Buchten entlang der Küste, wo sich das dunkle Flusswasser mit dem Wasser des Ozeans vermischte. Auch radioaktive Erde aus Fukushima soll in einen Fluss gerutscht sein, berichtete der "Tagesspiegel" unter Berufung auf Behördeninformationen.

Besonders an dem Sturm waren aber nicht nur seine Route und die großen Wassermassen. "Einzigartig an diesem Taifun ist auch, wie schnell er zu Beginn seines Lebens zu einem Supertaifun heranwuchs", sagte Nasa Sturmexperte Patrick Duran.

Vom Stürmchen zum Supersturm in wenigen Tagen

"Hagibis" entstand Anfang Oktober in der Philippinensee, einem Nebenmeer des Pazifischen Ozeans und entwickelte sich innerhalb weniger Tage zu einem Sturm der Kategorie 5. Am 8. Oktober wuchs die Intensität des Taifuns besonders stark an. Das Auge in seinem Inneren zog sich dabei deutlich zusammen - laut Duran eine typische Eigenschaft von Zyklonen, die in den Tropen vorkommen.

"Es gibt nicht genug Daten zu Taifunen, um zu beurteilen, wie häufig sie derart schnell zu Superstürmen heranwachsen", so der Nasa-Forscher. Fest stehe aber, dass sich bei "Hagibis" eine der schnellsten je dokumentierten Intensivierungen eines Taifuns beobachten ließ.

NASA

"Hagibis" am 11. Oktober 2019

Am Tag danach wurde der Sturm in seiner Entwicklung allerdings etwas ausgebremst. Der Augenwall, der aus hochreichenden Quellwolken besteht und das Auge des Sturms umgibt, wurde dabei durch einen neuen ersetzt. "Der Austausch hat die Höchstgeschwindigkeiten des Sturms verringert, dafür verteilten sich die Winde anschließend aber über ein größeres Gebiet", erklärte Duran.

Böen mit 315 Kilometern pro Stunde

Ein Bild, das ebenfalls vom Erdbeobachtungssatellit "Aqua" aufgenommen wurde, zeigt den Sturm am 11. Oktober. Zu dem Zeitpunkt überspannte "Hagibis" ein Gebiet mit einem Durchmesser von 1400 Kilometern. Zum Vergleich: Die Insel Honshu ist etwa 1300 Kilometer lang.

Als die Aufnahme entstanden ist, erreichten anhaltende Winde eine Geschwindigkeit von 210 Kilometern pro Stunde. Das entspricht Kategorie 4 der Sturmskala. In der gesamten Zeit seines Bestehens erzeugte der Sturm in der Spitze anhaltende Winde mit 260 Kilometern im Stundendurchschnitt. Die Maximalgeschwindigkeit einzelner Böen lag bei 315 Kilometern pro Stunde.

Bis "Hagibis" auf Land traf, schwächte er sich glücklicherweise auf Kategorie zwei ab. Im Zusammenspiel mit Winden aus dem höher gelegenen Jetstream, entstand trotzdem starker Wind. Es kam zu Überschwemmungen und Stromausfällen. Eine der am stärksten betroffenen Regionen war die Kleinstadt Hakone. Dort fielen in nur 24 Stunden 922,5 Liter Regen pro Quadratmeter - die größte Regenmenge, die je ein Taifun nach Japan gebracht hat.

Forscher wollen die Daten, die sie über "Hagibis" gesammelt haben, nun weiter auswerten und den Austausch des Augenwalls genauer untersuchen. "Diesen Prozess zu verstehen, ist wichtig um das Verhalten von Wirbelstürmen besser voraussagen zu können", sagte Duran.

jme

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