Wissenschaft

Flut in Südostafrika

Zu arm für ein gutes Warnsystem

Hunderte Tote, Tausende Vermisste, Familien auf Häusern und Bäumen gefangen: Eine der schlimmsten Naturkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte hat Südostafrika getroffen. Sie kam nicht überraschend.

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Versorgung mit dem Nötigsten: Ein Mann schleppt in Beira (Mosambik) einen Sack Reis aus China durchs Wasser, den er bei einer Plünderung erbeutet hat

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Donnerstag, 21.03.2019   11:25 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Menschen rennen aus Häusern, in die reißendes Wasser strömt. Ihre nötigsten Utensilien schleppen sie in Rucksäcken und Taschen. Viele kommen nicht weit: Straßen und Felder sind überflutet, es bleibt nur die Flucht auf Dächer, wo viele in der Hitze vergeblich auf Hilfe warten.

Aktuelle Filmaufnahmen aus Südostafrika schockieren, sie zeigen eine der schlimmsten Naturkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte: Nach dem Durchzug des Sturms "Idai" haben sich riesige Seen im Binnenland gebildet. Hunderte Menschen sind allein in Mosambik in den Fluten gestorben, Familien wurden auseinandergerissen, Tausende werden vermisst.

Hunderttausende Menschen sind obdachlos, zahlreiche Ortschaften haben kein Leitungswasser und keinen Strom mehr, und die Fluten können nicht ablaufen. Hilfe gibt es kaum.

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Wie der Sturm zur Katastrophe wurde

Wegen der verheerenden Überschwemmungen hat Mosambiks Regierung den Notstand erklärt. Zudem gelten drei Tage Staatstrauer, um der Opfer zu gedenken.

Drei Elemente machten den Sturm so gravierend:

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Häuser nahe des Flusses Búzi in Mosambik

Der Sturm zerstörte Stromleitungen und Häuser, er riss Bäume um und peitschte das Meer auf - immerhin zum günstigsten Zeitpunkt: Gerade war Ebbe, das Meer hatte sich zurückgezogen. Bei Gezeitenflut wäre die Sturmflut etwa doppelt so hoch ausgefallen.

Dennoch brachen vier Meter hohe Fluten auf die Küstenorte herein. Hart getroffen hat es zum Beispiel die Hafenstadt Beira im Osten Mosambiks, die weitenteils unter dem Meeresspiegel liegt.

90 Prozent der 500.000-Einwohner-Metropole seien zerstört, berichten Hilfskräfte. Schiffscontainer liegen in den Straßen, die Fluten haben sie wie Legosteine in die Stadt gespült.

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Ort am Fluss Búzi

Der extreme Regen ließ Flüsse auch tief im Binnenland verheerend anschwellen, sie traten kilometerweit über die Ufer. Ihr reißendes Wasser zerstörte Siedlungen und Brücken; zahlreiche Menschen ertranken in Stromschnellen.

Lange Reise übers Meer

Die Katastrophe kam nicht unerwartet, alle paar Jahre kreuzen Tropenstürme wie "Idai" die Region - Wetterdaten der vergangenen Jahrzehnte lesen sich wie eine Ankündigung der aktuellen Katastrophe.

"Idai" gewann seine Kraft in der Straße von Mosambik, der Meerenge zwischen Madagaskar und Afrika, deren Wasser sich den Sommer über stark aufgeheizt hat (auf der Südhalbkugel war gerade Hochsommer).

Warmes Meer liefert die Energie für solche Tropenstürme: Sie entstehen, wenn eine etwa 50 Meter dicke Wasserschicht an der Oberfläche mindestens 27 Grad Celsius erreicht.

Aus dem warmen Meer steigt Wasserdampf und kondensiert in der Höhe zu Wolken. Die Energie, die zum Verdampfen des Wassers notwendig war, wird dabei wieder frei und lässt die Wolken immer höher emporsteigen. Es entsteht ein Sog, ein starkes Tiefdruckgebiet mit heftigem Wind.

Seine besondere Reise machte "Idai" so kraftvoll: Nach seiner Entstehung am 3. März kreuzte der Luftwirbel hin und her über der Straße von Mosambik, blieb damit lange über dem warmen Ozean - er tankte außergewöhnlich viel Energie.

Foto: Str/WORLD FOOD PROGRAMME/DPA

Kein Trend zu erkennen

Ein Trend in Häufigkeit oder Heftigkeit solcher Tropenstürme in der Region sei gleichwohl nicht zu erkennen, heißt es im Klimareport der Vereinten Nationen. Auch eine Zunahme von Extremregen-Ereignissen sei dort bislang nicht dokumentiert.

Fluten und Stürme der Vergangenheit hätten also Warnung genug sein müssen, doch den armen Staaten der Region fehlen die Mittel für effektiven Überflutungsschutz an Flüssen und Küsten.

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Überflutete Gegend nahe der Metropole Beira

Auch ein Warnsystem wie in den USA gibt es nicht: Anhand von Satellitendaten erkennen Meteorologen in den USA nahende Hurrikane - Tage vor dem Eintreffen der Stürme werden Menschen in wahrscheinlich betroffene Regionen zum Verlassen der Gefahrenzone aufgefordert.

In Mosambik haben Ingenieure und Entwicklungshelfer in den vergangenen Jahren immerhin ein kostengünstiges System entwickelt, das durch seine Einfachheit besticht, unter anderem mit deutscher Hilfe.

Am Fluss Búzi, der derzeit auf ein Vielfaches seiner Größe angeschwollen ist, kamen mangels Satellitendaten, automatischer Flusspegel und Niederschlagssensoren einfache Mittel zum Einsatz: Ausgebildete Ableser prüfen - oft auf Fahrrädern - in Siedlungen am Oberlauf des Flusses regelmäßig die Regenmengen in Bechern und die Pegelstände im Fluss und funken sie ins Warnzentrum in der Stadt Búzi.

Mit Megafon und Trillerpfeife

Alarm wird gegeben, sobald viele Dörfer gleichzeitig starken Niederschlag melden. Dann ist zu befürchten, dass das Wasser des Búzi zur Flut anschwillt. Dörfer im Unterlauf werden per Funk und Radio alarmiert.

DPA

Eine Familie sucht ihren Sohn, der unter Schlamm begraben wurde

Dort setzen Bewohner ein spezielles Warnsystem in Gang, dessen Ablauf sie seit 2007 regelmäßig üben: Sie hissen rote Warnflaggen. Zugleich stürmen Jugendliche auf Fahrrädern los, um mit Megafon oder Trillerpfeife auch abgelegene Bewohner zu alarmieren.

Vor der Einrichtung des Warnsystems kamen Fluten am Búzi meist überraschend, den Anwohnern blieb keine Zeit zur Flucht. Seit 2007 aber konnten jedes Jahr Tausende Menschen am Búzi rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Ihre von Fluten zerstörten Dörfer zeigten auf eindringliche Weise, wie fatal die Hochwasser ohne Evakuierung verlaufen wären.

Sie kämpfen um ihr Leben

Auch an den Flüssen Shire, Púngwe, Limpopo, Save und Sambesi wurden aufgrund der Erfolge ähnliche Anlagen eingerichtet. Mittlerweile wurden sogar erste automatisierte Wasserstandsmesser in Betrieb genommen, deren Daten über Handynetzwerke und Internet zusammengetragen werden.

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Zerstörte Gegend in Chimanimani in Simbabwe

Diesmal jedoch blieben die Warnungen für die meisten nutzlos. Rechtzeitige Flucht vor "Idai" wäre nur in Auto, Bahn oder Flugzeug möglich gewesen, um frühzeitig genügend weit weg zu gelangen - aber vielen Bewohnern fehlt der Zugang zu den Verkehrsmitteln.

Die Folgen des Sturms machten eine Flucht vollends unmöglich: Die Fluten haben viele Orte vom Verkehrsnetz abgeschnitten.

"Mehrere Tausend Menschen kämpfen um ihr Leben, sie sitzen auf Dächern, in Bäumen und anderen höhergelegenen Gebieten, darunter viele Kinder", berichtet das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef.

Aufruf zu Spenden

Ein Helfer erzählt: "Wir haben die Leute in den Bäumen, die gegen Schlangen, Insekten und Raubtiere kämpfen müssen - und wir haben die Menschen, die auf Hausdächern oder Inseln gestrandet sind und nichts zu essen haben."

Entsetzliche Entscheidungen müssten getroffen werden: " Manchmal können wir nur zwei von fünf retten. Manchmal werfen wir nur Essen ab und retten jemand anderes, der in größerer Gefahr ist."

Das Welternährungsprogramm kündigte an, in den kommenden Tagen Nahrungsmittel für bis zu 600.000 Menschen in die Katastrophengebiete zu liefern. Hilfsorganisationen planen, ihre Einsätze vor Ort auszubauen, sie rufen zu Spenden auf.


Zusammengefasst: Ein Sturm hat zu massiven Überschwemmungen im Südosten Afrikas geführt, Hunderte Menschen ertranken. Extremer Regen ließ Flüsse kilometerweit über die Ufer treten. Ähnliche Naturereignisse in der Region hätten eine Warnung sein müssen, doch den armen Staaten fehlen die Mittel für effektiven Schutz. Diesmal versagten auch die einfachen Alarmsysteme vor Ort, der Sturm war zu groß - wegen seiner meteorologischen Geschichte.

Spendenkonten

Das Bündnis Entwicklung Hilft (BEH), die Aktion Deutschland Hilft (ADH) und das Rote Kreuz rufen gemeinsam zu Spenden für die Opfer in Mosambik und angrenzenden Ländern auf.

Empfänger: BEH & ADH
IBAN: DE53 200 400 600 200 400 600
Bank: Commerzbank 
Stichwort: Wirbelsturm Idai

Empfänger: Deutsches Rotes Kreuz
IBAN: DE63370205000005023307
BIC: BFSWDE33XXX
Stichwort: Wirbelsturm Idai

Korrektur: In einer früheren Version des Textes wurde die betroffene Region mit "Ostafrika" angegeben. Richtig ist jedoch, dass es sich um Südostafrika handelt. Außerdem liegt Chimanimani in Simbabwe und nicht in Mosambik. Wir bitten beide Fehler zu entschuldigen und haben sie im Text korrigiert.

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