Wissenschaft

Konferenz in Nairobi

Die Welt versinkt im Plastik - und die Uno schaut zu

Europa kann Wattestäbchen, Wegwerfgabeln oder Tüten verbieten. Doch die Hauptursache für das globale Problem mit dem Kunststoff liegt woanders. Welche Staaten die Meere vermüllen.

Getty Images/iStockphoto

Schildkröte schwimmt zwischen Plastiktüten (Symbolbild)

Von und (Grafik)
Freitag, 15.03.2019   18:03 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Auch nach 50 Jahren sieht die Plastikflasche aus wie neu. "Mild und sanft, besonders zu Ihren Händen", steht auf der leicht verbeulten Packung, die Umweltschützer vor ein paar Monaten an einem Strand im englischen Somerset gefunden haben. Eine Flasche an einem Strand, das macht nichts, oder? Doch, denn die Flasche aus Somerset verdeutlicht gleich zwei globale Probleme: Plastik verrottet nur langsam und landet zu oft in der Umwelt, besonders in den Meeren und Ozeanen.

Im kenianischen Nairobi haben Staaten aus aller Welt eine Woche lang darüber beraten, wie die Menschheit das Plastikproblem in den Griff bekommen kann. Herausgekommen ist bei der vierten Uno Environment Assembly: wenig. Umweltstaatsekretär Jochen Flasbarth hatte bereits vor Ende der Verhandlungen die Erwartungen gebremst. "Dass wir jetzt schon eine Konvention oder auch nur den Einstieg in Verhandlungen bekommen, das wird hier nicht gelingen", sagte er im ZDF-Morgenmagazin.

Ob das reichen wird? Plastik hat sich mittlerweile auf der gesamten Erde breitgemacht, in der Arktis, im 11.000 Meter tiefen Marianengraben, selbst im menschlichen Blut finden sich Bestandteile von Kunststoffen. Plastik füllt die Mägen von Seevögeln, Delfinen, Walen. Eine PET-Flasche braucht etwa 450 Jahre, um zu verrotten. Ganz genau lässt sich das jedoch nicht vorhersagen, denn es gibt noch keine Plastikflasche, die so alt wäre. Der Kunststoff ist eine relativ neue Erfindung. Im großen Stil wird er erst seit Ende des Zweiten Weltkriegs genutzt.

Eine Übersicht der Onlineplattform "Ourworldindata" zeigt, wie die Produktion von Plastik in den vergangenen Jahren zugenommen hat.

Allein im Jahr 2015 wurden weltweit 381 Millionen Tonnen Plastik produziert, fast 50 Mal so viel wie vor 60 Jahren. Vier bis 13 Millionen Tonnen davon gelangen jährlich in die Meere - je nach Schätzung. Der Rest landet auf Deponien oder wird verbrannt. Nur neun Prozent des bisher produzierten Kunststoffabfalls wurde recycelt, schätzt die Uno. Mehr als 140 Millionen Tonnen Plastikmüll treiben inzwischen in fünf riesigen Strudeln durch die Meere.

Wer trägt die Schuld daran, dass die Ozeane vermüllen?

Ein Großteil des Plastikmülls in den Ozeanen stammt aus Flüssen. Forscher der Ocean Cleanup Foundation haben in einer "Nature"-Studie hochgerechnet, welche Flüsse im Jahr 2015 die Weltmeere besonders verschmutzt haben.

Mit Abstand am meisten Plastikmüll hat demnach der Jangtse - der längste Fluss Chinas - in die Ozeane gespült, schätzungsweise 333.000 Tonnen. Auf dem zweiten Rang folgt der Ganges mit etwa 115.000 Tonnen. Laut Schätzungen stammen 86 Prozent des Plastiks, das über Flüsse in die Ozeane gelangt, aus Asien - vor allem aus China. Zum Vergleich: Flüsse in Afrika trugen knapp acht Prozent zur Verschmutzung der Weltmeere mit Kunststoff bei, europäische 0,28 Prozent.

Dass Europa scheinbar wenig zur Plastik-Verschmutzung der Weltmeere beiträgt, liegt an der im internationalen Vergleich hoch entwickelten Abfallwirtschaft. Selbst der geringe Teil des Mülls, der nicht verbrannt oder recycelt wird, landet nicht in der Natur, sondern in streng kontrollierten Deponien. In Entwicklungs- und Schwellenländern sieht das ganz anders aus. Meist gibt es auch dort eine Art offizielle Müllabfuhr und Bereiche, wo der Abfall gesammelt wird. Doch häufig werden die Deponien kaum kontrolliert und nicht von der sie umgebenden Natur abgeschirmt. Dadurch steigt das Risiko, dass der Abfall unbeabsichtigt in Flüsse und dadurch ins Meer gelangt.

Im Video: Die Müllkippen der Meere

Foto: NASA

Eine Weltkarte der Onlineplattform "Our world in data" prognostiziert, wie hoch der Anteil eines Landes am globalen Missmanagement in der Abfallwirtschaft im Jahr 2025 sein wird. Missmanagement beschreibt in diesem Fall das Risiko, dass Kunststoffabfall unkontrolliert in die Weltmeere gelangt. Etwa, weil er weggeworfen wird oder in offenen Deponien landet. Berücksichtigt wurde vor allem Müll, der voraussichtlich in Regionen anfallen wird, die maximal 50 Kilometer von der Küste entfernt liegen. Demnach werden allein auf China 25 Prozent des globalen Missmanagements bei Plastikmüll entfallen.


Voraussichtlicher Anteil des weltweiten Missmanagements bei Plastikmüll im Jahr 2025

Missmanagement beschreibt in diesem Fall das Risiko, dass Kunststoffabfall unkontrolliert in die Weltmeere gelangt.

Keine Daten
0,0 - <0,1
0,1 - <0,5
0,5 - <1
1 - <2,5
2,5 - <5
5 - <10
10 - <20
20 und mehr

Voraussichtlicher Anteil des weltweit schlecht verwalteten Kunststoffabfalls im Jahr 2025

Land Falsch gemanagter Abfall im Jahr 2025 (in % der globalen Gesamtmenge)
Albanien 0,0913
Algerien 1,4729
Angola 0,1980
Anguilla 0,0001
Antigua und Barbuda 0,0020
Argentinien 0,4635
Aruba 0,0007
Australien 0,0357
Bahamas 0,0025
Bahrain 0,0144
Bangladesch 3,1996
Barbados 0,0054
Belgien 0,0083
Belize 0,0087
Benin 0,1729
Bermuda 0,0003
Bosnien und Herzegowina 0,0292
Brasilien 1,3813
Britische Jungferninseln 0,0001
Brunei Darussalam 0,0005
Bulgarien 0,0373
Chile 0,0616
China 25,7893
Cookinseln 0,0011
Costa Rica 0,1099
Curaçao 0,0005
Demokratische Republik Kongo 0,0629
Deutschland 0,0482
Dominica 0,0021
Dominikanische Republik 0,3310
Dschibuti 0,0660
Dänemark 0,0061
Ecuador 0,3055
El Salvador 0,3284
Elfenbeinküste 0,7776
Eritrea 0,0629
Estland 0,0121
Falklandinseln 0,0000
Faröer 0,0002
Fidschi 0,1028
Finnland 0,0093
Frankreich 0,0502
Französisch-Guayana 0,0081
Französisch-Polynesien 0,0026
Gabun 0,0224
Gambia 0,0774
Georgien 0,0355
Ghana 0,4706
Gibraltar 0,0001
Grenada 0,0035
Griechenland 0,0270
Grönland 0,0002
Guadeloupe 0,0167
Guam 0,0008
Guatemala 0,2283
Guernsey 0,0002
Guinea 0,0867
Guinea-Bissau 0,0752
Guyana 0,0523
Haiti 0,4693
Honduras 0,2738
Hongkong 0,0544
Indien 4,1711
Indonesien 10,7345
Irak 0,0690
Iran 0,6660
Irland 0,0203
Island 0,0013
Israel 0,0408
Italien 0,0652
Jamaika 0,0862
Japan 0,2566
Jemen 0,744
Jordanien 0,0043
Kaimaninseln 0,0002
Kambodscha 0,0910
Kamerun 0,1040
Kanada 0,0212
Kap Verde 0,0267
Katar 0,0023
Kenia 0,1261
Kiribati 0,0101
Kokosinseln 0,0000
Kolumbien 0,2605
Komoren 0,1460
Kroatien 0,0284
Kuba 0,2612
Kuwait 0,0195
Lettland 0,0241
Libanon 0,1474
Liberia 0,2067
Libyen 0,1485
Litauen 0,0079
Macau 0,0017
Madagaskar 0,2571
Malaysia 2,5565
Malediven 0,0581
Malta 0,0054
Marokko 1,0229
Marshallinseln 0,0083
Martinique 0,0014
Mauretanien 0,0575
Mauritius 0,1059
Mexiko 0,3379
Mikronesien 0,0155
Monaco 0,0001
Montenegro 0,0105
Montserrat 0,0001
Mosambik 0,4156
Myanmar 1,6637
Namibia 0,0164
Nauru 0,0015
Neukaledonien 0,0010
Neuseeland 0,0167
Nicaragua 0,2453
Niederlande 0,0469
Niederländische Antillen 0,0005
Nigeria 3,5916
Niue 0,0000
Nordkorea 0,8839
Norfolkinsel 0,0002
Norwegen 0,0142
Nördliche Marianen 0,0004
Oman 0,0170
Pakistan 1,7682
Palau 0,0020
Palästina 0,0270
Panama 0,1024
Papua-Neuguinea 0,3508
Peru 0,5459
Philippinen 7,3661
Polen 0,0389
Portugal 0,0281
Puerto Rico 0,0296
Republik Kongo 0,0577
Rumänien 0,0120
Russische Föderation 0,1867
Réunion 0,0023
Saint-Pierre und Miquelon 0,0000
Salomonen 0,2556
Samoa 0,0159
Saudi-Arabien 0,0635
Schweden 0,0076
Senegal 1,0687
Seychellen 0,0079
Sierra Leone 0,1756
Singapur 0,0157
Sint Maarten (niederl. Teil) 0,0001
Slowenien 0,0014
Somalia 0,4192
Spanien 0,0853
Sri Lanka 2,7775
St. Helena 0,0003
St. Kitts und Nevis 0,0011
St. Lucia 0,0125
St. Vincent und die Grenadinen 0,0043
Sudan 0,0754
Suriname 0,0093
Syrien 0,4415
São Tomé und Príncipe 0,0193
Südafrika 1,2106
Südkorea 0,0764
Taiwan 0,0936
Tansania 0,3101
Thailand 3,1551
Togo 0,1404
Tokelau 0,0001
Tonga 0,0149
Trinidad und Tobago 0,1064
Tunesien 0,6380
Turks- und Caicosinseln 0,0001
Tuvalu 0,0012
Türkei 1,1440
Ukraine 0,3379
Uruguay 0,0116
Vanuatu 0,055
Venezuela 0,2233
Vereinigte Arabische Emirate 0,0086
Vereinigte Staaten von Amerika 0,4876
Vereinigtes Königreich 0,1363
Vietnam 6,0407
Weihnachtsinsel 0,0000
Zypern 0,0038
Ägypten 2,8047
Äquatorialguinea 0,0204

Es gibt für die Industriestaaten jedoch keinen Grund mahnend auf Asien zu blicken und sich selbst zurückzulehnen. China war jahrelang die Müllkippe der Welt und importierte Kunststoffabfälle aus aller Welt, um daraus neue Rohstoffe zu gewinnen. Gerade Deutschland nutzte das Angebot gern und verschiffte gut zehn Prozent seines Plastikmülls ins Reich der Mitte.

Doch oft hatte der Müll nicht die versprochene Qualität - Recycling war unmöglich. China zog deshalb die Reißleine und hat 2018 den Import von Plastikmüll verboten. Seitdem exportiert Deutschland vermehrt in andere asiatische Länder oder muss mehr Plastikmüll verbrennen. Ohnehin steht es um das Recyclingsystem in Deutschland nicht zum Besten, obwohl kaum ein Land so emsig seinen Müll trennt. Laut Schätzungen werden hierzulande nur fünf bis sechs Prozent des Abfalls wiederverwertet. (Mehr dazu lesen Sie hier). Gleichzeitig fällt nirgendwo in der EU mehr Verpackungsmüll an als in Deutschland. Allein 2016 verbrauchte jeder Mensch in Deutschland im Schnitt 220 Kilogramm an Verpackungen.

Die Daten zeigen: Das Plastikproblem kann nur global gelöst werden. Plastikgabeln und Ohrstäbchen zu verbieten, reicht nicht. Umso bedauerlicher ist es, dass der Gipfel in Nairobi vor allem Absichtserklärungen eingebracht hat und keine verbindlichen Verpflichtungen.

Zusammengefasst: Die Uno-Umweltkonferenz im kenianischen Nairobi geht ohne eine verbindliche Einigung zur Bekämpfung von Plastikmüll zu Ende. Nicht einmal auf die Aufnahme von Verhandlungen konnte sich die Staatengemeinschaft einigen. Dabei kann das Kunststoffproblem nur global gelöst werden. Daten zeigen: Ein Großteil des Plastikmülls in den Weltmeeren stammt aus Asien, vor allem China. Häufig gibt es dort kein effizientes Abfallmanagement. Dadurch gelangen jedes Jahr laut Schätzungen Millionen Tonnen an Kunststoff in die Weltmeere. Industriestaaten verschärfen das Problem noch, indem sie Plastikmüll dorthin exportieren.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, Plastik habe sich im 11.000 Kilometer tiefen Marianengraben breitgemacht. Richtig sind 11.000 Meter. Wir haben die entsprechende Passage korrigiert.

insgesamt 209 Beiträge
kitschfilmschurke 15.03.2019
1. im 11.000 Kilometer tiefen Marianengraben
Jetzt stellt euch doch mal erwachsen! 11.000 Meter oder 11 Kilometer aber niemals 11.000 Kilometer.
Jetzt stellt euch doch mal erwachsen! 11.000 Meter oder 11 Kilometer aber niemals 11.000 Kilometer.
curiosus_ 15.03.2019
2. Die Daten zeigen: Das Plastikproblem kann nur global gelöst werden
Wo zeigen die das? Das Plastikproblem muss da gelöst werden wo es entsteht. Doch genau das zeigen die Daten, dass es in Europa nicht entsteht. Also muss es dort auch nicht gelöst werden. Die Diskussion erinnert mich an die [...]
Wo zeigen die das? Das Plastikproblem muss da gelöst werden wo es entsteht. Doch genau das zeigen die Daten, dass es in Europa nicht entsteht. Also muss es dort auch nicht gelöst werden. Die Diskussion erinnert mich an die früheren Wasser-Spar-Aufrufe in Deutschland. Als ob es den Wassermangelländern was gebracht hätte wenn wir Wasser gespart hätten.
oldsack 15.03.2019
3.
Artikel der zeigt das Asien am meisten Plastik in die Meere spült....und trotzdem wird in Deutschland wie mit dem CO2 die grosse PANIK damit gemacht!,Was nütz es uns wenn wir in Deutschland alle wieder nur Fahrrad Fahren und [...]
Artikel der zeigt das Asien am meisten Plastik in die Meere spült....und trotzdem wird in Deutschland wie mit dem CO2 die grosse PANIK damit gemacht!,Was nütz es uns wenn wir in Deutschland alle wieder nur Fahrrad Fahren und damit die C02 Ziele einhalten wenn der Rest der Welt nichts tut,genau so ist es auch mit dem Plastikmüll...Wie steht es in der Anzeige im diesen Artikel "Deutsches Recyclingsystem versagt bei Plastik"....das liest sich dann so "DEUTSCHLAND VERURSACHT DAS PLASTIK PROBLEM".....versteht ihr?,hier wird Panik gemacht...und alle in Deutschland müssen dann Handeln genau so wie bei den Fahrverboten und dem CO2...bis wir all unseren Reichtum aus dem Fenster geworfen haben an Sachen die wir nicht ändern können darum weil wir nicht der Hauptverursacher sind!.......
cschweizer 15.03.2019
4. Falsche Überschrift
Ihre Überschrift suggeriert, dass die UNO eine Entscheidungsgewalt hätte. Dies ist aber nicht der Fall. Sie schaffen es mit dieser Überschrift die Schuld einer Institution zu geben die nicht die Gewalt hat, Situation zu [...]
Ihre Überschrift suggeriert, dass die UNO eine Entscheidungsgewalt hätte. Dies ist aber nicht der Fall. Sie schaffen es mit dieser Überschrift die Schuld einer Institution zu geben die nicht die Gewalt hat, Situation zu lösen. Ehrlicher und aus meiner Sicht besser wäre es gewesen, sie hätten geschrieben die Welt versinkt im Plastik und die Staaten schauen zu.
horkini 15.03.2019
5. Es ist bereits 5 nach 12,
beim Klimawandel wie beim Plastik in den Ozeanen. Der "point of no return" ist längst überschritten. Um das zu erkennen, muss man kein Wissenschaftler sein. Wir schaffen das!
beim Klimawandel wie beim Plastik in den Ozeanen. Der "point of no return" ist längst überschritten. Um das zu erkennen, muss man kein Wissenschaftler sein. Wir schaffen das!

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