Wissenschaft

Bericht über WWF

"Menschenrechtsaspekte finden zu wenig Beachtung"

Unterstützung von Folter, versuchter Vergewaltigung, Exekutionen: Die Vorwürfe gegen den WWF wiegen schwer. Ein erster Bericht bescheinigt der Umweltschutzorganisation Lücken bei der menschenrechtlichen Sorgfalt.

Shiraaz Mohamed/ DPA

Die Ausrüstung einer Anti-Wilderer-Einheit in einem Nationalpark in Südafrika: Wie weit darf Tierschutz gehen?

Ein Interview von
Freitag, 03.05.2019   08:52 Uhr

Wer gemeinnützigen Organisationen Geld schenkt, tut in der Regel auch etwas gegen das eigene schlechte Gewissen: Eine Spende gibt das gute Gefühl, die Welt ein Stückchen besser zu machen. Auf diesem Prinzip basiert auch das Geschäftsmodell großer Lobbyorganisationen wie dem WWF.

Umso gravierender ist es, wenn dieses Grundvertrauen bedroht wird. Das geschah Anfang März, als das Onlinemagazin "BuzzfeedNews UK" dem World Wildlife Fund for Nature in einer groß angelegten Recherche vorwarf, zwischen 2002 und 2005 in Wildtierschutzgebieten mit Paramilitärs kollaboriert zu haben und dadurch für Folter und Tod von Zivilisten mitverantwortlich zu sein. Auch von versuchten Vergewaltigungen war die Rede sowie von Waffenkäufen durch den WWF.

Für die Organisation geht es um Glaubwürdigkeit - und Geld. Fast 118 Millionen Dollar, umgerechnet gut 105 Millionen Euro, haben Einzelpersonen allein im vergangenen Jahr an den WWF gespendet. Die internationale Organisation kündigte nach der Veröffentlichung der Vorwürfe umgehend eine unabhängige Untersuchung an, auch das Landesbüro in Deutschland versprach Aufklärung. Am Mittwoch wurde ein erster Untersuchungsbericht veröffentlicht, der der Umweltorganisation Mängel bei der Sorgfaltspflicht in Bezug auf Menschenrechte bescheinigt.

Hauptverantwortlich für den Bericht war Markus Löning. Im Interview mit dem SPIEGEL berichtet der ehemalige Beauftragte für Menschenrechte der Bundesregierung über die wichtigsten Erkenntnisse.

SPIEGEL ONLINE: Herr Löning, in Ihrem Bericht über den WWF heißt es: "Eine ausführliche Diskussion zum Thema Menschenrechte scheint in der Regel nicht stattzufinden." Können Spender sicher sein, dass sie mit ihrem Geld keine Menschenrechtsverletzungen mitfinanzieren?

Markus Löning: Wir haben untersucht, ob der WWF-Deutschland in seinen internen Strukturen dafür Sorge trägt, dass solche Vorfälle gar nicht erst passieren können. Generell lassen sich gewisse Risiken gerade in Krisengebieten, in denen der WWF aktiv ist, nie zu 100 Prozent ausschließen. Aber es sollten die Grundlagen dafür geschaffen werden, um dieses Risiko deutlich zu minimieren. Dazu gehört beispielsweise ein funktionierendes Beschwerdesystem. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschenrechtsaspekte bisher zu wenig Beachtung finden. Mit unserem Bericht schlagen wir nun Maßnahmen vor, wie menschenrechtliche Risiken in Zukunft früher und besser berücksichtigt werden können.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Wie genau sehen die aus?

Löning: Den wichtigsten Schritt hat der WWF bereits getan und sich den Vorwürfen gestellt und uns damit beauftragt, Vorschläge zu machen, wie sie ihre Arbeit in Zukunft verbessern können. Da besteht Nachholbedarf. In vielen Organisationen ist das die größte Hürde. Der WWF hat sich da sehr offen gezeigt. Mein Eindruck: Die wollen die Aufarbeitung wirklich.

SPIEGEL ONLINE: Langfristig braucht es jedoch auch Lösungen. Wie sollen die aussehen?

Löning: Der WWF hat sich selbst bereits die nötigen Leitlinien zur Einhaltung von Menschenrechten gegeben, allerdings werden die in der alltäglichen Arbeit noch nicht ausreichend umgesetzt, weil beispielsweise die Mitarbeiter zu wenig über die selbst formulierten Ziele wissen. Wir werden den WWF bei diesem Lernprozess in den kommenden Jahren begleiten. Dazu gehört beispielsweise, dass Menschenrechte bei jedem Projekt berücksichtigt werden - und zwar von Anfang an.

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SPIEGEL ONLINE: Heißt das, Menschenrechte wurden bisher zu wenig berücksichtigt?

Löning: Seit im Jahr 2011 die Uno-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte verabschiedet wurden, haben sich die Erwartungen an die menschenrechtliche Verantwortung erweitert. Es ist noch immer für viele Unternehmen und Organisationen unklar, wie sie dies in ihre täglichen Arbeitsabläufe integrieren können.

SPIEGEL ONLINE: Der Direktor der Menschenrechtsorganisation Survival International, Stephen Corry, hat die Unabhängigkeit Ihres Berichts angezweifelt. Er kritisiert, die Vorschläge seien wenig konkret. Halten Sie das für gerechtfertigt?

Löning: Unsere Untersuchungen in diesen zwei Monaten basieren auf ersten Interviews mit WWF-Mitarbeitern und der Überprüfung von Dokumenten. Dazu gehörten auch externe Informationen. Der WWF hat uns weder in die Analyse noch in die Empfehlungen reingeredet. Wir arbeiten unabhängig. Zum zweiten Vorwurf, die Vorschläge seien wenig konkret: Der aktuelle Bericht ist erst der Auftakt eines langen Lernprozesses. Wir werden nun gemeinsam mit dem WWF die einzelnen Punkte genau durcharbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Die Ergebnisse des Bericht wurden ausgerechnet an einem Feiertag veröffentlicht, an dem solche Thema erfahrungsgemäß nur auf wenig Aufmerksamkeit stoßen. Ist die Auswahl des Datums Zufall?

Löning: Der Bericht sollte im April übergeben werden. Wir haben den Aufwand für eine präzise Übersetzung aus dem englischen Originalbericht ins Deutsche unterschätzt. Wir haben uns dann für Sorgfalt vor Schnelligkeit entschieden, dadurch hat es etwas länger gedauert als geplant.

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