Wissenschaft

Nordkoreas "supergroßes" Raketensystem

"Es geht vor allem um Prahlerei"

Nordkorea hat ein vermeintlich "supergroßes" und neuartiges Waffensystem erprobt. Der Münchner Raketenexperte Robert Schmucker erklärt, was wirklich dahintersteckt.

KCNA via REUTERS

Diktator Kim Jong Un posiert neben Raketenwerfer

Ein Interview von
Mittwoch, 11.09.2019   17:00 Uhr

Lächelnd steht Nordkoreas Diktator Kim Jong Un neben einem "supergroßen Raketensystem, das mehrere Geschosse abfeuern kann" - so beschreibt zumindest Nordkoreas Staatssender KCNA die vermeintlich neue Waffe des Diktators, die erfolgreich getestet worden sei.

Ob die Bilder wirklich authentisch sind und wann sie aufgenommen wurden, lässt sich nicht unabhängig prüfen. Südkorea bestätigte jedoch, Projektile registriert zu haben, die etwa 330 Kilometer weit geflogen seien und äußerte "große Besorgnis".

Im Interview erklärt der deutsche Raketenexperte Robert Schmucker, warum er die vermeintlich neue Waffe für Prahlerei hält und warum Nordkorea noch weit davon entfernt sein dürfte, eine einsatzfähige Atomrakete zu bauen.

SPIEGEL: Herr Schmucker, Nordkoreas Diktator Kim Jong Un hat neben einem vermeintlich neuen "supergroßen Raketensystem" posiert, das mehrere Geschosse abfeuern kann. Wie gefährlich ist diese Waffe?

Schmucker: Auf den Bildern ist ein typischer Raketenwerfer für größere Artillerieraketen zu sehen, die bis zu zwei- oder dreihundert Kilometer Reichweite haben. Das ist eine Allerweltswaffe, auch für Nordkorea nicht neu. Es ist dasselbe System, das auch schon früher mehrmals getestet worden ist. Das ist nichts, was mich beunruhigen würde.

Zur Person

SPIEGEL: Was ist bisher über die eingesetzte Rakete bekannt?

Schmucker: Auf den von Nordkorea veröffentlichten Bildern ist eine bereits bekannte Artillerierakete zu sehen, die die Kodierung KN-09 trägt. Die kleinen Entenflügel an der Raketenspitze dienen offensichtlich zur Lenkung, aber ich bin mir nicht sicher, wie es um deren Effektivität steht. Sprich, ob sich dadurch die Präzision oder die Genauigkeit gegenüber einem rein ballistischen, ungesteuerten Flug wirklich deutlich verbessert.

SPIEGEL: Ist überhaupt nichts Neues an dem Waffensystem?

Schmucker: Eigentlich nicht. Es handelt sich um eine Rakete mit einem Composit-Antrieb, der für eine höhere Leistung und eine größere Nutzlast sorgt. Das ist an der Flamme zu erkennen, denn da entsteht weißer Rauch.

SPIEGEL: Ist eine Rakete im Besitz eines Diktators nicht immer beunruhigend?

Schmucker: Wenn solche Raketen mit 200 bis 500 Kilogramm Sprengstoff eine Stadt treffen, richten sie natürlich erheblichen Schaden an und mit der genannten Reichweite wäre Seoul durchaus im Schussbereich dieser Rakete. Aber solche Raketensysteme sind wenig präzise, das Zielgebiet lässt sich allenfalls auf einige Kilometer eingrenzen. Man kann sich das in etwa vorstellen wie eine große Kanone. Für eine echte militärische Bedrohung bräuchte Nordkorea unzählige solcher Raketen.

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SPIEGEL: Wenn das Raketensystem so alltäglich ist, warum präsentiert Nordkorea es dann so stolz?

Schmucker: Ich glaube, es geht vor allem um Prahlerei und die Darstellung der eigenen, vermeintlichen Waffenpotenz. Ich bezweifle jedoch, dass Nordkorea tatsächlich eigene entwickelte Raketen großer Leistung und Reichweite besitzt.

SPIEGEL: Aber das Land hat in den vergangenen Wochen doch immer wieder Raketentests durchgeführt.

Schmucker: Das waren nur kleinere Geräte. Ich halte es zwar generell für denkbar, dass Nordkorea eigene Raketen entwickelt, aber mehrere Hinweise sprechen dafür, dass das Land bisher vor allem Waffen aus dem Ausland benutzt. Bis 2017 waren die nordkoreanischen Raketen praktisch alle russischer Provenienz. Zudem waren die benutzen Raketen sehr unterschiedlich. Wenn ich Raketen in meinem Land entwickeln wollen würde, würde ich versuchen, sie zu standardisieren und diese Technologie weiterentwickeln. Sind die Raketen jedoch sehr unterschiedlich, müsste ich auch jeweils eigene Systeme entwickeln. Das wäre ineffizient.

SPIEGEL: Nordkorea hat wiederholt mit dem Einsatz von Atomraketen gedroht. Besteht eine reale Gefahr?

Schmucker: Von nuklearwaffenfähigen Raketen mit größerer Reichweite ist Nordkorea noch weit entfernt. Wenn es Verbesserungen geben sollte, würden wir das schnell bemerken, denn dazu wären viele erfolgreiche Tests unter realen Bedingungen nötig - über die gesamte Distanz und mit einem realen Wiedereintrittskörper. Davon ist aber bisher nichts zu erkennen.

insgesamt 7 Beiträge
ziehenimbein 11.09.2019
1. Elon Musk hat die BFR
und der arme Diktator hat's halt ne Nummer kleiner. Ich denke auch, dass das nur Säbelrasseln ist. Letztendlich sind solche Aussagen ja an Trump adressiert und dementsprechend ist die Ausdrucksweise. Rocketman vs Hurricanenuker!
und der arme Diktator hat's halt ne Nummer kleiner. Ich denke auch, dass das nur Säbelrasseln ist. Letztendlich sind solche Aussagen ja an Trump adressiert und dementsprechend ist die Ausdrucksweise. Rocketman vs Hurricanenuker!
labellen 11.09.2019
2. mittlerweile gehen Fachleute
davon aus, daß Kim bei solchen Gelegenheiten "handgefertigte" Prototypen vorführt. Zudem sind 300 km Reichweite völlig überflüssig, die 30 km von der nordkor. Grenze bis Seoul sind auch mit herkömmlicher [...]
davon aus, daß Kim bei solchen Gelegenheiten "handgefertigte" Prototypen vorführt. Zudem sind 300 km Reichweite völlig überflüssig, die 30 km von der nordkor. Grenze bis Seoul sind auch mit herkömmlicher Artillerie gut erreichbar.
Ventil4tor 11.09.2019
3. Natürlich kommts aus Russland
Man sieht doch wo Nordkorea einkauft. Alte MIGs, die Hubschrauber, die Trägersysteme usw. Praktisch 70% des Militärs sind alte Sovietbestände. Russland ist wie eBay Kleinanzeigen und verkauft den überflüssigen Schrott an NK. [...]
Man sieht doch wo Nordkorea einkauft. Alte MIGs, die Hubschrauber, die Trägersysteme usw. Praktisch 70% des Militärs sind alte Sovietbestände. Russland ist wie eBay Kleinanzeigen und verkauft den überflüssigen Schrott an NK. Ich frag mich nur wo Donald Trump's Erfolge sind? Erreicht hat er nur eine Pause, aber keinen Stillstand. Glaub aber eher dem ist das alles egal mitlerweile, seit er zum guten Freund von Kim Jong-Un wurde.
kumi-ori 12.09.2019
4.
Lieber Herr Schmucker, bitte behalten Sie Ihre Fachkenntnisse für sich und äußern Sie sich, so wie der südkoreanische Politiker, "sehr besorgt". Dann nämlich sieht Herr Kim sein Ziel erreicht und wird keine [...]
Lieber Herr Schmucker, bitte behalten Sie Ihre Fachkenntnisse für sich und äußern Sie sich, so wie der südkoreanische Politiker, "sehr besorgt". Dann nämlich sieht Herr Kim sein Ziel erreicht und wird keine Notwendigkeit sehen, an der weiteren Verfeinerung seines Arsenals zu arbeiten, was am Ende noch zu unbeabsichtigten Fehlern mit katastrophalen Folgen führen könnte. Vor etwa zehn Jahren hat Kim mal auf einer Parade Raketen aus Pappendeckel auffahren lassen, bei denen die Teile falsch rum zusammengeklebt waren. Nach dem hämischen Gelächter der Weltöffentlichkeit fing Kim an, wie wild an neuen Atomraketen zu basteln (der arme Kostrukteur von damals sitzt heute wahrscheinlich immer noch im Straflager).
Michael Weissich 12.09.2019
5. Wer hat denn dem Herrn Schmucker den Expertenstatus zuerkannt?
Das durch SPON mit Herrn Schmucker geführte Interview hat mich wenig begeistert und ich muss die dort getroffenen Einschätzungen deutlich revidieren. Herr Schmucker hat sich in seiner Analyse auf nordkoreanische Raketenteste in [...]
Das durch SPON mit Herrn Schmucker geführte Interview hat mich wenig begeistert und ich muss die dort getroffenen Einschätzungen deutlich revidieren. Herr Schmucker hat sich in seiner Analyse auf nordkoreanische Raketenteste in der Vergangenheit bezogen. Leider ist diesem sogenannten Experten entgangen, dass es sich bei der nordkoreanischen Raketenentwicklung um eine Triade handelt. Das bedeutet, dass Nordkorea auf dem Feld der Entwicklung von ballistischen Flugkörpern eng mit Pakistan und dem Iran zusammen arbeitet. Alle drei Länder haben in den vergangenen Jahren ein intensives Forschungsprogramm von Teilkomponenten aufgenommen. Der Zusammenhang hätte auch einem Laien auffallen müssen und keines Experten bedurft. Ein guter Journalist hätte diese allgemein bekannte Triade aufgreifen müssen und beim zusammenfügen der jeweiligen Puzzleteile schnell erkennen können, dass diese Artikel ein vollkommen falsches Bild abgibt. Die Wahrheit ist: Nordkorea verfügt über Intermediate Ballistic Missiles (IRBM). Die aufgeführten Teste dienen dazu, den Circular Error Point (CEP) in Zukunft zu verbessern. Dieses macht man durch Nutzung von relativ kostengünstiger Bestandstechnologie und mit Einrüstung von innovativer Technologie als Teilkomponente. An den Redakteur von SPON: Sparen Sie sich das Geld für Ihre sogenannten "Experten" und beschäftigen Sie sich künftig mit der Materie.

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