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Der Kommentar am Morgen

Major Tom, bitte antworten!

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst soll an diesem Mittwoch zur Internationalen Raumstation aufbrechen. Es wird eine faszinierende Mission. Doch die Frage der Zukunft muss auf der Erde geklärt werden: Was wollen wir eigentlich im Weltraum?

DPA

Russische Rakete vor dem Start zur ISS: Forschung ist wichtig, Emotionen sind es auch

Ein Kommentar von
Mittwoch, 28.05.2014   05:48 Uhr

Riesige Feuersäule, infernalischer Krach: Für die Zuschauer ist ein Raketenstart ein beeindruckendes Spektakel. So wird es auch sein, wenn der deutsche Astronaut Alexander Gerst am Mittwochabend zusammen mit zwei Kollegen ins All abhebt. Ein halbes Jahr wird der gelernte Vulkanforscher auf der Internationalen Raumstation (ISS) leben, mehr als 100 Experimente stehen auf seinem Bordstundenplan.

Doch die Begeisterung kann über eines nicht hinwegtäuschen: Die alten Begründungen, warum sich die Menschheit dieses milliardenteure Abenteuer leisten muss, taugen nicht mehr. Die bemannte Raumfahrt muss sich neu erfinden, um zu überleben.

Begonnen hatte sie als Wettrennen der Ideologien: Kapitalistische Amerikaner und kommunistische Sowjets wollten auch im All die Überlegenheit ihres Systems beweisen. Später inszenierten die Verantwortlichen die Raumfahrt dann als internationales Kooperationsprojekt - als Beispiel für das, was auf der Erde noch gelingen musste.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs waren beide mit weiteren Partnern wie den Europäern dauerhaft als Team unterwegs: im Space Shuttle, auf der Raumstation "Mir" und, vor allem, beim Bau und Betrieb der Internationalen Raumstation. Die fliegt bis heute und wird es auch noch ein paar Jahre tun. Doch die Ukraine-Krise brachte das Projekt an den Rand des Scheiterns.

Ohnehin hält sich auf der Erde die Begeisterung für das gemeinsame Milliardenprojekt in Grenzen. Bei der Nasa betreibt man Lobbyarbeit dafür, dass die ISS mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wird. Aber würde der tatsächlich die Massen begeistern? Als die Europäische Union den Preis bekam, war es jedenfalls nicht so.

Nur faszinierende Geschichten aus dem All erreichen die Herzen der Menschen am Boden. Der kanadische ISS-Kommandant Chris Hadfield hat vorgemacht, wie das gehen kann: Mit persönlichen Tweets aus der Raumstation, faszinierenden Fotos und gern auch mal mit einer Gesangseinlage. Forschungsergebnisse sind wichtig, aber Emotionen sind es auch.

Moderne Astronauten wie Alexander Gerst sind längst geschult darin, beides zu liefern. Die Raumfahrtplaner müssen ihnen dafür Freiräume einräumen - um uns Erdlinge wieder das Staunen zu lehren.

Langfristig müssen sich die Manager der Raumfahrtagenturen allerdings noch mehr einfallen lassen. Sie müssen erklären, was die Menschheit eigentlich im All vorhat, wohin die Reise nach der Internationalen Raumstation gehen soll. Zurück zum Mond? Auf einen Asteroiden? Auf den Mars? Oder gar zu fernen Planeten, um dort das Überleben der Menschheit zu sichern, so wie es Wissenschaftler wie der Physiker Stephen Hawking für notwendig halten?

Was wollen wir eigentlich im All? Was können Menschen in Sachen Forschung besser als Roboter? Wie können sie bei der Erkundung unserer kosmischen Nachbarschaft zusammenarbeiten? Major Tom, wir brauchen Antworten! Nur wer den Menschen ernsthafte Erwiderungen auf solche Fragen liefert, kann weiter auf die Milliarden hoffen, die für die Raumfahrt nötig sind.

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Weiter ins All fliegen?

Heute soll der deutsche Astronaut Alexander Gerst zur Internationalen Raumstation aufbrechen. Die Erforschung des Weltalls kostet viele Milliarden - ist das gerechtfertigt?

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Christoph Seidler ist Wissenschaftsredakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christoph_Seidler@spiegel.de

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insgesamt 63 Beiträge
cosy-ch 28.05.2014
1. mittelfristige dringende Frage
laut RT hat die USA vertragliche Randbedingungen gebrochen im Zusammenhang mit der ISS. Aus diesem Grund wird Russland 2020 die Missionen von/zur Raumstationen beenden . Das teuerste 'Hotel'der Welt (pro m2) wird zu lästigem [...]
laut RT hat die USA vertragliche Randbedingungen gebrochen im Zusammenhang mit der ISS. Aus diesem Grund wird Russland 2020 die Missionen von/zur Raumstationen beenden . Das teuerste 'Hotel'der Welt (pro m2) wird zu lästigem Schrott. Warum liest man absolut nirgends darüber????,
divStar 28.05.2014
2. Es wird so viel Geld für Blödsinn ausgegeben...
... da ist die Raumfahrt - ganz gleich wie viel sie auch kostet - weitaus sinnvoller. Zwar kann man darüber streiten was die Menschheit im Weltall will. Über kurz oder lang müssen wir uns trotzdem nach Alternativen zur Erde [...]
... da ist die Raumfahrt - ganz gleich wie viel sie auch kostet - weitaus sinnvoller. Zwar kann man darüber streiten was die Menschheit im Weltall will. Über kurz oder lang müssen wir uns trotzdem nach Alternativen zur Erde umsehen - nur für den Fall der Fälle. Und was ist wenn wir eine zweite Erde oder gar höherentwickelte Lebewesen darauf entdecken? Ohne die Raumfahrt und die entsprechende Entwicklung von neuen Antrieben werden wir niemals so weit reisen können wie wir sehen können - und das ist schade. Wofür werden denn die Milliarden sonst verwendet? Um nicht-produktive Autokonzerne zu finanzieren und so angeblich Arbeitsplätze zu "sichern"? Um das Militär am Hindukusch zu finanzieren? Ganz ehrlich: all das hat bei mir einen weitaus untergeordneteren Stellenwert als die Raumfahrt, denn - und das ist wichtig - sie bedroht keine Menschen (bis auf die Raumfahrer manchmal). Man sagt so oft (und liest es auch überall auf Dating-Portalen und und und), dass jeder Mensch einen Traum braucht, dem er nacheifern kann. Die Raumfahrt ist - aus meiner Sicht - genau so ein Traum für die ganze Menschheit an sich. Sie ist mit der Beweis, dass der Mensch sogar das, was für ihn von Natur aus unmöglich sein sollte, möglich machen kann. Mit einem Friedensnobelpreis würde ich die ISS indes nicht auszeichnen, denn nach der Auszeichnung von Obama ist der Preis sowieso nur noch ein Schatten seiner selbst, ja sogar eine Lachnummer. Ich jedenfalls würde den Preis einschmelzen wenn ich ihn bekäme - aus Protest, dass ihn jeder und alles bekommt - insbesondere der bzw. die, der/die es nicht verdient hat/haben.
Ausman 28.05.2014
3. Schulausflu
Der Schulausflug in den All ist ja ganz huebsch, aber der viel besungene Spinn-off der All Forschung ist eine Maer, und kostspielig ist es obendrein noch. Auf Dauer werden wir uns den kollektiven All Ausflug nicht leisten koennen, [...]
Der Schulausflug in den All ist ja ganz huebsch, aber der viel besungene Spinn-off der All Forschung ist eine Maer, und kostspielig ist es obendrein noch. Auf Dauer werden wir uns den kollektiven All Ausflug nicht leisten koennen, und so wird's ein Traum von Gestern
Antoninus 28.05.2014
4. All-Macht?
Alles was im Weltall möglich ist, kann in Studios oder im Wüstensand exerziert werden. In Original braucht keiner Kräfte zu verheizen, müssen keine Gefühle implemetiert oder aufgebauscht werden. Der Mensch - d. h. alle [...]
Alles was im Weltall möglich ist, kann in Studios oder im Wüstensand exerziert werden. In Original braucht keiner Kräfte zu verheizen, müssen keine Gefühle implemetiert oder aufgebauscht werden. Der Mensch - d. h. alle Menschen, müssen auf der Erde überleben können, gleichberechtigt, ohne Pompanzereien, mit gerecht verteilen Mitteln (Ressourcen sagt man da wohl). Weltallideen und -technik entstammen den National- und Hegemonialkämpfen. "Ressourcenschonend" sollten Techniker und Phantasten mit All-Mächtigkeiten umgehen.
radioactiveman80 28.05.2014
5. 2 Sätze zu diesem Beitrag:
1.) diese Zweifel hat es auch gegeben, als der Mensch sich mit einem Rad bewegt, auf das Meer und in die Luft begeben hat, oder das erste mal drahtlos kommuniziert hat - schlecht war es im Nachhinein sicher nicht. 2.) warum ins [...]
1.) diese Zweifel hat es auch gegeben, als der Mensch sich mit einem Rad bewegt, auf das Meer und in die Luft begeben hat, oder das erste mal drahtlos kommuniziert hat - schlecht war es im Nachhinein sicher nicht. 2.) warum ins All fliegen? Ganz klar - die Menscheit ist dazu bestimmt, eines Tages während des Warpfluged vor einem Replikator zu stehen und zu sagen: "Tee. Earl Grey, heiss" :-) Major Tom, hören Sie bloss nicht auf zu träumen!!
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