Wissenschaft

ATV "Jules Verne"

Esa-Raumtransporter planmäßig über Pazifik verglüht

Der Jungfernflug endete mit einem gigantischen Leuchten: Europas Raumtransporter ATV "Jules Verne" ist bei seinem Wiedereintritt in die Atmosphäre verglüht. Das Manöver über dem Pazifik verlief genau nach Plan. Das Raumschiff hatte die Station ISS versorgt und ihre Flugbahn angehoben.

Montag, 29.09.2008   17:25 Uhr

Berlin/Toulouse - Spektakulärer hätte die historische Versorgungsmission des europäischen Frachtraumschiffes "Jules Verne" zur Internationalen Raumstation ISS nicht enden können: Wie ein leuchtender Komet verglühte das Automated Transfer Vehicle (ATV) am Montagabend am nächtlichen Himmel über dem Pazifik. Damit wurde sein gut halbjähriger Premierenflug ebenso perfekt abgeschlossen wie er begonnen hatte. Im ATV-Kontrollzentrum im französischen Toulouse wurde das mit rauschendem Beifall quittiert. Mitarbeiter hielten Tafeln hoch, auf denen zu lesen stand "Bye, Bye, Jules".

Das gezielte Absturzmanöver war mit einer ersten Zündung der ATV-Triebwerke um 12 Uhr MESZ eingeleitet worden. Innerhalb von sechs Minuten wurde die Umlaufbahn des Frachters, der am 5. September von der ISS abgekoppelt hatte, von gut 350 auf 339 Kilometer abgesenkt. Zu diesem Zeitpunkt umkreiste er die Erde etwa 14 Kilometer hinter der Station.

Um 14.58 Uhr MESZ erfolgte die zweite Zündung, diesmal für gut 14 Minuten. Dabei wurden die Geschwindigkeit auf 70 Meter pro Sekunde und die Flugbahn auf 120 Kilometer verringert. Um 15.31 Uhr MESZ trat die Hightech-Röhre in die dichten Schichten der Atmosphäre ein. Durch die ungeheure Reibungshitze verglühten zuerst die vier Sonnensegel, dann der restliche Raumflugkörper mit 6,5 Tonnen ISS-Müll im Frachtraum. Nur einige größere Stücke geschmolzenen Metalls dürften in den Pazifik gefallen sein, der an dieser Stelle weiträumig für den Flug- und Schiffsverkehr gesperrt war.

20 Tonnen schweres Raumschiff

Der Absturz war bewusst in die Abendstunden gelegt worden, um ihn aus der ISS und zwei Begleitflugzeugen genau dokumentieren und beobachten zu können. Dabei sollen weitere Erfahrungen für die weitere gefahrlose Entsorgung von ausgedienten Raumfahrtzeugen sammeln. Ähnlich war auch bei der gezielten Versenkung der russischen Raumstation "Mir" im März 2001 an gleicher Stelle verfahren worden.

Das ATV ist zusammen mit dem Wissenschaftsmodul "Columbus" der Hauptbeitrag Europas zur ISS. Damit verfügt Europa seit dem Frühjahr über ein eigenes Segment in der Station und spielt zudem eine Schlüsselrolle bei ihrer Versorgung mit Nachschub. Das damals knapp 20 Tonnen schwere erste ATV, auf den Namen des französischen Schriftstellers und Visionärs Jules Verne getauft, war am 9. März vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou (Französisch-Guyana) mit einer "Ariane 5"-Rakete gestartet worden und hatte nach ausführlichen Tests am 3. April voll automatisch an ihr angedockt.

An Bord befanden sich 5,5 Tonnen Treibstoff, Atemluft, Wasser, wissenschaftliche Geräte, Lebensmittel und andere Verbrauchsgüter. Während des Gemeinschaftsflugs wurde die ISS-Umlaufbahn mit Hilfe der ATV-Triebwerke viermal angehoben - eine Aufgabe, die vorher nur den russischen "Progress"-Frachtern und den US-Shuttles vorbehalten war. Am 5. September hatte "Jules Verne" als kosmische Mülltonne von der Station abgedockt. Der nächste Frachter soll 2010 starten. Insgesamt sind bis 2013 noch vier Flüge geplant.

Bereits im Mai kommenden Jahres wartet die Esa mit einer weiteren gewichtigen ISS-Mission aus. Der belgische Astronaut Frank de Winne fliegt für ein halbes Jahr zur Station, um dort eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Experimenten im "Columbus"-Modul durchzuführen, die von verschiedenen europäischen und auch außereuropäischen Ländern vorbereitet wurden. Daneben stehen technologische Demonstrationen und ein Bildungsprogramm auf dem Plan. Als erster Esa-Astronaut wird de Winne zudem im Oktober für eine Woche das Kommando der 21. ISS-Stammbesatzung übernehmen. Die Esa hat inzwischen einen Wettbewerb ausgeschrieben, um einen passenden Namen für die Mission zu finden.

Gerhard Kowalski, ddp

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