Wissenschaft

Weltraumpolitik

Europa sucht seinen Kurs im All

Wie viel Weltraum kann und will sich Europa leisten? Beim Esa-Ministertreffen geht es ums Geld - und damit auch um die Zukunft der Internationalen Raumstation, um ein Roboterauto auf dem Mars und andere Missionen.

AFP / Esa / Nasa
Mittwoch, 30.11.2016   10:41 Uhr

Wenn Entdeckergeist auf Budgetgrenzen trifft, dann braucht man sich über Probleme nicht wundern. Erst recht, wenn 22 Mitgliedsländer am Tisch sitzen - wie im Ministerrat von Europas Raumfahrtagentur Esa, der sich am Donnerstag und Freitag im schweizerischen Luzern trifft. "Sie gehen mit einigem Optimismus dorthin. Dann macht das Treffen Sie immer pessimistischer. Und bevor das Treffen endet, gibt es dann eine Lösung", so Esa-Chef Jan Wörner im Vorfeld.

Es geht um viel Geld, um Jobs, um Macht: Rund elf Milliarden Euro sollen Europas Raumfahrtprogramme in den kommenden Jahren kosten. So jedenfalls Wörners Vorschlag. Darin enthalten ist unter anderem die künftige Nutzung der Internationalen Raumstation ISS, die Finanzierung für den europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana, die geplante Exoplaneten-Mission "Cheops", eine Raumsonde zur Erforschung der Sonne, eine mit den Amerikanern geplante Doppelmission zu einem Asteroiden - und die Suche nach einem "Staubsauger" für Weltraumschrott.

Eine wichtige Entscheidung fällt auch für das Prestigeprojekt "ExoMars". Dort hat die Euphorie vor wenigen Wochen mit dem Absturz eines europäisch-russischen Landedemonstrators einen Dämpfer erhalten. Nach der Bruchlandung von "Schiaparelli" liegen ein paar hundert Kilogramm Weltraumschrott im roten Marssand.

"Normal, dass Fragen aufkommen"

Frankreichs Raumfahrtchef Jean-Yves Le Gall zieht bei dem Thema die Stirn in Falten. "Bei ExoMars ist es normal, dass Fragen aufkommen, weil es Mehrkosten geben wird", sagt er. Die ursprünglich für 2018 geplante zweite Phase mit einem Mars-Rover wurde auf 2020 verschoben, es fehlen aktuell etwa 400 Millionen Euro.

Gute Nachrichten kann Europas Raumfahrt vor der Ministerkonferenz daher gut gebrauchen. Da kommt ein Europäer auf der ISS gerade recht. Fröhlich winkt der Franzose Thomas Pesquet bei einer Videokonferenz wenige Tage nach seiner Ankunft in der Schwerelosigkeit in die Kamera. "Ich hoffe, Kinder zu inspirieren", sagt er und erzählt von seinen ersten Eindrücken, während ein aufblasbarer Globus um ihn herumschwirrt. Pesquet ist ein Star in Frankreich, ähnlich wie sein Kollege Alexander Gerst in Deutschland, der 2018 sogar ISS-Kommandant werden soll.

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Esa-Tagung: Wie weiter im Weltraum?

Vor Pesquets Start vom russischen Kosmodrom Baikonur ist Le Gall, Chef der französischen Weltraumbehörde CNES, guter Dinge. "Frankreich ist mit Deutschland der wichtigste Partner der Esa", sagt er über die Kräfteverhältnisse in Europa. Mit mehr als 850 Millionen Euro ist Deutschland der größte Beitragszahler der Esa, gefolgt von Frankreich mit mehr als 800 Millionen Euro.

"In der europäischen Raumfahrt läuft es derzeit gut, weil es in den deutsch-französischen Beziehungen gut läuft", ergänzt der Funktionär. Szenekenner teilen diese Einschätzung. Ein milliardenschwerer Zwist um die Zukunft des Raketenprogramms Ariane ist 2014 beigelegt worden.

Bürgerdialog zur Raumfahrtzukunft

Gut so, meinen Experten, denn es gebe viel zu tun. Als zentrales Thema bei der Konferenz in Luzern gilt die ISS. Die Hauptgeldgeber Russland und USA haben ihr Engagement bis 2024 zugesagt, nun ist die Esa am Zug - zunächst etwa 800 Millionen Euro hat Wörner dafür angemeldet. Auch für die Zeit nach 2024 muss ein Konzept her. Grundsätzlich infrage steht die ISS-Beteiligung wohl nicht: Er sehe dort kein besonderes Risiko, sagte Wörner.

Es gebe aber andere Programme, für die sein Herz schlage und wo die Unterstützung nicht sehr breit sei - zum Beispiel die Entwicklung eines wiederverwendbaren Raumfahrzeugs für die Forschung in Schwerelosigkeit ("Space Rider"). Er hoffe, nach dem Treffen verkünden zu können, "dass unsere Träume wahr geworden sind".

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Generell sehen viele die Zukunft der Raumfahrt in einer Partnerschaft mit privaten Firmen. CNES-Chef Le Gall gibt sich offen - aber mit Einschränkung: "Man darf in Europa nicht glauben, dass die Wirtschaft die Raumfahrt komplett finanzieren wird, denn die Raumfahrt braucht starke öffentliche Haushalte."

Vielleicht gibt es aber auch noch andere Finanzquellen. In einem sogenannten Bürgerdialog hatte Esa-Chef Wörner im September insgesamt 2000 Menschen aus ganz Europa eingeladen, über die Zukunft der Raumfahrt zu diskutieren. Die Veranstaltungen fanden in allen 22 Mitgliedstaaten gleichzeitig statt, die Teilnahme war freiwillig - deshalb ist davon auszugehen, dass unter den Teilnehmern überdurchschnittlich viele All-Enthusiasten waren.

Und dennoch ist ein Ergebnis einigermaßen verblüffend: Immerhin 89 Prozent der Befragten erklärten, sie würden es begrüßen, "wenn Bürger die Möglichkeit hätten, einen freiwilligen Beitrag zur Raumfahrt leisten zu können".

chs/Thomas Körbel und Sebastian Kunigkeit, dpa

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