Wissenschaft

Ferner Frühling

Auch Neptun hat Jahreszeiten

Auf dem fernen Gasriesen Neptun, so enthüllt eine Hubble-Bildserie, haben sich in den letzten Jahren die Wolkenbänder deutlich aufgehellt. Offenbar erlebt der Planet ein stürmisches Frühlingserwachen.

Dienstag, 20.05.2003   17:42 Uhr

Hurra, der Lenz ist da: Selbst auf dem ansonsten eher unwirtlichen Neptun steigen derzeit die Temperaturen. Eine Serie von Aufnahmen, die das Weltraumteleskop Hubble in den letzten sieben Jahren gemacht hat, zeigt auffällige Veränderungen auf der südlichen Halbkugel des Planeten, die Forscher mit den Übergang von einer Jahreszeit zur anderen erklären.

"Neptuns Wolkenbänder sind ausgedehnter und heller geworden", berichtet Lawrence Sromovsky von der University of Wisconsin-Madison, der gemeinsam mit Kollegen den Gasriesen beobachtet hat. "Diese Veränderung scheint auf jahreszeitliche Schwankungen des Sonnenlichts zurückzugehen, genau wie der Wechsel der Jahreszeiten, den wir auf der Erde sehen."

Astronomen wissen zwar schon lange, dass die Rotationsachse des achten Planeten des Sonnensystems mit 29 Grad ähnlich stark gekippt ist wie die der Erde (23,5 Grad). Unser Planet neigt durch diese Schrägstellung auf seinem Weg um die Sonne abwechselnd seine Süd- und Nordhalbkugel dem Zentralgestirn zu - es entstehen Jahreszeiten.

Ähnliches sollte theoretisch auch auf dem Neptun geschehen. Doch der Gasplanet ist ungleich weiter von der Sonne entfernt als die Erde: Aus seiner Perspektive leuchtet sie 900-mal schwächer. Ob diese Energie überhaupt genügt, um Jahreszeiten zu erzeugen, war bisher unklar. Die Hubble-Bilder aus den Jahren 1996, 1998 und 2002, die das Team im Fachblatt "Icarus" vorgestellt hat, scheinen nun die Antwort zu liefern.

Sie zeigen genau das, was Jahreszeiten ausmacht: "Wenn die Sonne Hitzeenergie an eine Atmosphäre abgibt, führt das zu einer Reaktion", erklärt Sromovsky. "Auf der Halbkugel, die am meisten Sonnenlicht erhält, würden wir eine Erwärmung erwarten, die wiederum Steigbewegungen, Kondensation und eine stärkere Wolkendecke hervorrufen würde."

Am Äquator blieb die Gashülle des Planeten über die Jahre nahezu unverändert - auch das passt zu einem Zeitenwechsel, wie er auf der Erde stattfindet. Trotzdem bleibt Neptuns Wetter, das sich durch Winde mit Geschwindigkeiten von über 1500 Kilometer pro Stunde auszeichnet, ein Rätsel. Selbst zusammen mit einer internen Energiequelle sollte die Sonneneinstrahlung kaum ausreichen, um so viel Dynamik zu erzeugen.

Offenbar ist Neptuns Atmosphäre, so Sromovsky, "eine Maschine, die mit sehr wenig Reibung sehr viel Wetter erzeugen kann". Das Frühlingserwachen auf dem fernen Gasriesen fällt deshalb wohl für irdische Verhältnisse äußerst stürmisch aus. Dafür hält es umso länger an: Weil Neptun für eine Sonnenumrundung fast 165 Jahre braucht, dauert der Frühling über 40 Erdenjahre.

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