Wissenschaft

"Jules Verne"

Spannung vor Raumtransporter-Start

Ein europäischer Lastesel macht sich am Sonntag auf den Weg ins All: der Raumtransporter "Jules Verne". Das Gefährt lässt die Europäer wieder vom bemannten Weltraumflug träumen - auch wenn der wohl noch lange Jahre und viele Milliarden Euro entfernt ist.

DPA

Raumtransporter ATV im Reinraum (Juni 2007): Lampenfieber vor der Premiere

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Samstag, 08.03.2008   13:20 Uhr

Im ungünstigsten Fall könnte alles in einem riesigen Feuerball enden, denn noch niemals zuvor musste sich die europäische Trägerrakete Ariane-5 derart abmühen. Wenn sie am frühen Sonntagmorgen (4.54 Uhr MEZ) vom Startplatz drei des südamerikanischen Weltraumbahnhofs Kourou mit dem Raumtransporter "Jules Verne" ins All abhebt, muss sie rund 20 Tonnen stemmen. Zum Vergleich: Die bisher schwerste Nutzlast, der Umweltsatellit "Envisat", war mit acht Tonnen noch nicht einmal halb so schwer.

Mit "Jules Verne" fliegt zum ersten Mal ein europäisches Frachtraumschiff der ATV-Serie ("Automated Transfer Vehicle") ins All- und vor der Premiere herrscht Lampenfieber: "Es besteht die Gefahr, dass Ariane zündet, aber nicht abhebt", sagt Kris Capelle, Leiter des ATV-Flugbetriebs. "Bei 600 Tonnen Treibstoff an Bord der Ariane würden Rakete und ATV zerstört." Damit es trotzdem keine Probleme gibt, hat der Raketenbauer Arianespace eine ganz besondere Version seines Transporters gebaut: die Ariane 5 ES ("Evolution Storable"). Sie kann bis zu 21 Tonnen Nutzlast in eine 300 Kilometer hohe Erdumlaufbahn hieven.

Am Sonntag soll die Reise allerdings bereits in 260 Kilometern Höhe enden. Ab hier soll sich "Jules Verne" allein auf den Weg zur Internationalen Raumstation (ISS) machen, die in rund 350 Kilometern Höhe kreist. Beim Anflug auf die ISS trödelt der Transporter wochenlang durchs All - doch das ist gewollt. "Beim Jungfernflug beobachten wir das ATV ständig, um sicher zu sein, dass es genau das macht, was es soll", sagt Capelle.

Nach mehreren Tests muss die fliegende Blechbüchse in respektabler Distanz zur ISS parken: Durch einen 2000 Kilometer breiten Korridor soll sichergestellt werden, dass der Space Shuttle "Endeavour" ungestört die Raumstation erreichen und nach 16 Tagen wieder verlassen kann. Die US-Raumfähre soll am Dienstagmorgen um 8.28 Uhr deutscher Zeit in Cape Canaveral abheben.

Auch wenn der Shuttle die ISS wieder verlassen hat, darf das ATV nicht sofort die Station anfliegen. Allzu groß ist die Angst vor Fehlern, denn das Navigationssystem des Raumtransporters ist revolutionär: Mit Hilfe von Lasern und des Satelliten-Navigationssystems GPS soll der Transporter ganz allein seinen Weg finden. Läuft alles glatt, müssen weder das Kontrollzentrum noch die ISS-Besatzung eingreifen.

Die folgenden ATV-Flüge - bisher sind vier geplant - können dann deutlich flotter als "Jules Verne" an ihr Ziel gelangen; sie sollen innerhalb von zwei Tagen an der ISS sein.

Beim Jungfernflug hat der kosmische Lastesel 1300 Kilogramm Ausrüstungsgegenstände für die ISS an Bord, rund 280 Kilogramm Wasser und rund 20 Kilogramm Atemluft. Dazu kommen rund 860 Kilogramm Treibstoff. Der fließt ausschließlich in das russische ISS-Modul "Swesda", an das "Jules Verne" während seiner Zeit im All angekoppelt bleibt. Beim Rest der Lieferung gilt es, weitere nationale Eigenheiten zu beachten: Das Trinkwasser ist nur für russische Kosmonauten bestimmt. Das liegt an den strengen Nasa-Desinfektionsrichtlinien.

Den Löwenanteil der Transportkapazität ihres neuen Transporters können die Europäer gar nicht selbst nutzen. Mit ihm wird die US-Weltraumbehörde Nasa für den Betrieb des unlängst gestarteten Weltraumlabors "Columbus" bezahlt.

Die Europäer träumen wieder von der bemannten Raumfahrt

Nach "Columbus" ist das Transportschiff der zweite wichtige Hoffnungsträger der europäischen Raumfahrt: "Die europäischen Raumfahrtnationen erhalten einen eigenen unbemannten Zugang zur Internationalen Raumstation", sagt Johann-Dietrich Wörner, Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Er schwärmt von einem "Meilenstein in der europäischen Raumfahrtgeschichte".

Mehr als zehn Jahre Entwicklungszeit und rund 1,3 Milliarden Euro haben die Europäer in das Projekt investiert, das eigentlich das Überbleibsel eines noch viel ambitionierteren Plans ist: Eigentlich hatte die Esa einen Raumgleiter entwickeln wollen, der bis zu sechs Raumfahrer transportieren sollte. Doch das Projekt - Namenspatron war der griechische Götterbote Hermes - war zu teuer und verlor den politischen Rückhalt; 1993 wurde es beerdigt.

Dank des ATV träumen die Europäer nun wieder davon, eines Tages zu den Raumfahrtgrößen USA und Russland aufzuschließen - und selbst Menschen ins All zu schicken: "Es kann mir doch keiner erzählen, dass Europa nicht kann, was sogar die Chinesen schon gemacht haben", zeterte unlängst der deutsche Astronautenveteran Ulf Merbold in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Im Prinzip ließe sich das ATV nämlich zum bemannten Raumschiff aufbrezeln. Studien dazu gibt es schon - angefertigt, als die ISS nach dem "Columbia"-Unglück im Jahr 2003 nur im Sparbetrieb betrieben wurde. Doch wichtige Technologien wie ein funktionierender Hitzeschutzschild fehlen den Europäern noch. Deswegen wird "Jules Verne" auch ein furioses Ende finden: Nach dem Ende der sechsmonatigen Mission soll der Transporter in einem Feuerball über dem Pazifik verglühen.

Die einzigen Erfahrungen mit der Rückkehr eines Raumfahrzeugs hat die Esa vor mehr als zehn Jahren gemacht: mit dem Projekt Atmospheric Reentry Demonstrator (ARD). Auch die Entwicklung dieses Raumfahrzeugs war - wie bei Hermes und ATV - als größeres Programm gestartet und dann gehörig zurechtgestutzt worden. Immerhin verlief der suborbitale Testflug damals erfolgreich: Das Fluggerät platschte plangemäß zwischen den Inseln Marquesas und Hawaii in den Pazifik.

Prinzipiell könnten die Europäer für einen neuen Raumtransporter auch enger als bisher mit Russland zusammenarbeiten. Dort gibt es immerhin die benötigte Technologie. Einige Esa-Entscheidungsträger favorisieren solch eine Zusammenarbeit, doch viele Raumfahrtpraktiker sind skeptisch. "Eine Kooperation mit den Russen ist unrealistisch, so verführerisch sie auch sein mag", sagt etwa Thomas Reiter im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Ex-Astronaut sitzt im DLR-Vorstand und kennt das Hauptproblem: "Russland hat kein Interesse daran, der europäischen Industrie eine adäquate Rolle zu geben."

Also müssten sich die Esa-Staaten im Zweifelsfall entscheiden, den Transporter komplett in Eigenregie zu bauen. Doch das ist nicht billig. "Weniger als zehn Milliarden Euro" würde die Entwicklung nach Ansicht von Reiter kosten. Im November könnten die Esa-Staaten auf einer Konferenz in Den Haag die Weichen für solch ein Programm stellen. "Jetzt ist Zeit, darüber nachzudenken", sagt Reiter. "Die wichtigsten technischen Elemente haben wir."

Mit Material von dpa und AFP

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