Wissenschaft

Pannenserie

Wie Russlands Raumfahrt der Krise entkommen will

Fehlstarts, Abstürze, Startverschiebungen: Die einst so stolze russische Raumfahrt musste in diesem Jahr herbe Rückschläge hinnehmen. Mit einem neuen Entwicklungsplan bis 2030 will die Agentur Roskosmos in eine bessere Zukunft starten - die Erwartungen der Politik sind hoch.

dpa

Triebwerk einer "Sojus"-Rakete: Warnung vor ersoneller Säuberung nach den Pannen.

Mittwoch, 08.02.2012   08:51 Uhr

Berlin - Ausgerechnet im Gagarin-Jahr 2011 ging in der russischen Raumfahrt reichlich schief, Russland such verzweifelt nach Wegen aus der Krise. Aufgeschreckt durch die fünf fatalen Havarien, die die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des ersten bemannten Raumflugs vom 12. April 1961 überschattet haben, arbeitet die Raumfahrtagentur Roskosmos auf Weisung von Vizepremier Dmitri Rogosin an einem Entwicklungsplan bis zum Jahr 2030. Im Februar soll das Papier vorliegen, das auf einer schonungslosen Analyse des Zustands der einstigen Vorzeigebranche beruht.

Dieser manifestierte sich auch zu Beginn des Jahres überdeutlich, vor allem in der Startverschiebung der ersten bemannten "Sojus"-Mission zur Internationalen Raumstation (ISS) vom 30. März auf den 15. Mai. Die Ursache dafür ist eine defekte Landekapsel, die nicht rechtzeitig ersetzt werden kann. Damit gerät erneut der ISS-Fahrplan in Gefahr.

Roskosmos-Chef Wladimir Popowkin, der die Agentur erst seit Mai vergangenen Jahres leitet, hat die schwierige Aufgabe, die Fehler seiner Vorgänger zu korrigieren und zugleich den Weg in eine bessere Zukunft zu weisen. Als eines der Grundübel machte er den menschlichen Faktor aus, und das gleich in zweifacher Hinsicht. So beklagt der ehemalige Vize-Verteidigungsminister den eklatanten Mangel an Fachpersonal. Der Raumfahrtindustrie fehle einerseits die komplette mittlere Generation der Facharbeiter, die in den neunziger Jahren dorthin gegangen sei, "wo das Geld ist". Diese Lücke soll nun in Kooperation mit Hoch- und Fachschulen geschlossen werden.

Zum anderen habe man damals den Fehler begangen, die Generaldirektoren der Raumfahrtunternehmen gleichzeitig zu Chefkonstrukteuren zu machen. Viele davon seien damit überfordert. Deshalb habe man diese Funktionen jetzt wieder getrennt. Als Konstrukteur dürfe künftig nur arbeiten, wer die Qualifikation habe.

Branche nur zu 43 Prozent ausgelastet

Quasi zum Selbstschutz warnte Popowkin vor einer "personellen Säuberung" nach den Pannen. Dadurch würden nur noch mehr qualifizierte Leute die Betriebe verlassen und neue Bewerber abgeschreckt. Präsident Dmitri Medwedjew hatte nach dem Debakel mit der Sonde "Phobos-Grunt", die im Pazifik statt auf dem Marsmond landete, angekündigt, die Schuldigen persönlich, finanziell oder strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen.

Die Effektivität der Betriebe, die nur zu 43 Prozent ausgelastet sind, soll zudem durch eine enge horizontale Verknüpfung verbessert werden. Der Roskosmos-Chef will auch die Durchschnittslöhne auf umgerechnet etwa 1000 Euro anheben, um einen materiellen Anreiz zu schaffen. Außerdem dürfen Leitungskader künftig nicht mehr als das Fünffache dieser Summe verdienen.

Als Vorgeschmack auf die neuen Vorgaben versucht Popowkin inzwischen schon, die Branche mit lukrativen Projekten bei Laune zu halten. So sollen bis 2020 erstmals Kosmonauten zum Mond fliegen. Diese hohen Erwartungen wurden allerdings schon wieder gedämpft. Die Errichtung einer Mondbasis erfordere die Versechsfachung des für 2014 anvisierten Roskosmos-Haushalts von 200 Milliarden Rubel (etwa fünf Milliarden Euro), heißt es dazu in Expertenkreisen.

Auch den Mars behalte man im Auge, versprach Popowkin. Allerdings sei eine bemannte Mission dorthin nicht vor 2030 oder 2035 möglich - und dann auch nur in internationaler Zusammenarbeit. Sollte es nicht zu einer akzeptablen Vereinbarung mit der Europäischen Weltraumorganisation Esa über eine angemessene Beteiligung an deren "ExoMars"-Projekt kommen, das für 2016 geplant ist, werde Russland eine zweite "Phobos-Grunt"-Mission starten.

Gerhard Kowalski, dapd

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