Wissenschaft

Planetensystem

Galileo könnte Neptun entdeckt haben

Galileo Galilei beobachtete vor fast 400 Jahren einen unbekannten Himmelskörper. Heute ist bekannt, dass es der Neptun war. Ein Astronom behauptet nun, Galileo habe erkannt, dass es sich um einen Planeten handelt - damit wäre Neptun 234 Jahre früher entdeckt worden als bisher gedacht.

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Freitag, 10.07.2009   16:38 Uhr

Der Ruhm gilt dem Entdecker - so ist das nun einmal in der Astronomie. Beim Planeten Neptun, seit der Degradierung Plutos der achte und äußerste Planet in unserem Sonnensystem, teilen sich bislang mehrere Forscher den Entdeckerstatus. Die beiden Mathematiker John Couch Adams und Urbain Le Verrier hatten die Bahn vorausberechnet; der deutsche Astronom Johann Gottfried Galle konnte Neptun schließlich 1846 dank dieser Kalkulationen direkt beobachten.

Womöglich ist jedoch Galileo Galilei der Entdecker des Planeten, behauptet nun David Jamieson von der University of Melbourne. Der Physik-Professor begründet dies mit einer neuen Analyse der knapp 400 Jahre alten Notizen des berühmten Astronomen. Galileo hatte in den Jahren 1612 und 1613 mit einem Fernrohr vier Jupitermonde beobachtet und ihre Positionen notiert. In einigen Nächten bemerkte er auch einen bis dahin unbekannten Himmelskörper.

"Wir wissen seit einigen Jahrzehnten, dass es sich bei diesem Objekt um Neptun handelt", sagte Jamieson und verwies auf Computersimulationen der damaligen Planetenkonstellation. Demnach befand sich Neptun zum Zeitpunkt der Beobachtung im Januar 1613 ganz in der Nähe von Jupiter.

Wissenschaftler sind bislang davon ausgegangen, dass Galileo das unbekannte Objekt für einen Jupitermond oder einen Fixstern hielt - und nicht für einen Planeten. Jamieson glaubt jedoch, dass die Aufzeichnungen Galileos dem widersprechen. Der Astronom habe erkannt, dass sich das Objekt zwischen der ersten Beobachtung am 6. Januar und einer zweiten am 28. Januar relativ zu anderen Sternen bewegt habe, sagte Jamieson in einem Vortrag an seiner Universität zum Jahr der Astronomie 2009.

"Windige Hypothese"

Der australische Forscher verwies auf einen nicht beschrifteten schwarzen Punkt in Galileos Aufzeichnungen vom 6. Januar 1613. Dieser befinde sich exakt an jener Stelle, wo Neptun an diesem Tag gestanden habe. Jamiesons Theorie: Galileo schenkte dem Planeten am 6. Januar zunächst keine besondere Aufmerksamkeit, zeichnete ihn aber nachträglich ein - nachdem er bemerkt hatte, dass sich das Objekt bewegt und damit kein gewöhnlicher Stern sein kann.

Wenn der Punkt in den Aufzeichnungen vom 6. Januar erst am 28. Januar eingefügt wurde, dann könnte dies nach Meinung Jamiesons belegen, dass Galileo den Planeten Neptun entdeckt hat. Im Oktober will der Forscher deshalb die Tinte von Experten der Universität Florenz untersuchen lassen und so womöglich das nachträgliche Einfügen beweisen. "Galileo könnte bereits die Hypothese aufgestellt haben, dass er einen neuen Planeten gefunden hat", mutmaßt er. In Galileos Aufzeichnungen und Briefen könne noch viel Interessantes stecken.

Galileo habe Berichte über astronomischen Forschungen in verschlüsselter Form an Kollegen verschickt, erklärte Jamieson, um die Bedeutung wichtiger Entdeckungen zu unterstreichen. Dies sei beispielsweise Im Falle der Saturnringe geschehen. "Vielleicht hat er irgendwo ja ein noch nicht entschlüsseltes Anagramm notiert, das enthüllt, dass er einen neuen Planeten kennt." Ein Anagramm entsteht, wenn man Buchstaben oder Silben eines Worts durcheinanderbringt. Die Neptun-Hypothese von Jamieson wurde auch im Fachmagazin "Australian Physics" veröffentlicht.

Hilmar Duerbeck vom Arbeitskreis Astronomiegeschichte in der Astronomischen Gesellschaft mit Sitz in Hamburg hält die Aussagen Jamiesons für nicht neu und teils fragwürdig. Schon 1980 hätten zwei Astronomen im Fachblatt "Nature" berichtet, dass Galileo die Bewegung des unbekannten Objekts vom 27. zum 28. Januar relativ zu einem anderen Stern bemerkt und niedergeschrieben habe. Galileo wusste also offensichtlich, dass es sich bei dem unbekannten Objekt nicht um einen Stern handeln konnte.

Die Vermutung Jamiesons, Galileo könnte die Entdeckung Neptuns verschlüsselt in einem Anagramm beschrieben haben, hält Duerbeck für eine "windige Hypothese". Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärte der Professor von der Universität Münster: "Ein solches Anagramm ist offenbar nicht bekannt. Und selbst wenn es bekannt wäre, wäre es fast unmöglich, es zu entschlüsseln."

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