Wissenschaft

Einsatz an der ISS

Wie kam das Loch in die Orbitalsektion des Raumschiffs "Sojus MS-09"?

In der Außenwand eines an die ISS angedockten Raumschiffs befindet sich ein mysteriöses Loch. Zwei russische Kosmonauten klettern heute aus der Raumstation, um es zu untersuchen. Sie haben ein Fleischermesser dabei.

DPA/ Stephane Corvaja/ ESA
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Dienstag, 11.12.2018   15:58 Uhr

Den russischen Kosmonauten Oleg Kononenko und Sergej Prokopjew steht am heutigen Dienstag in der Internationalen Raumstation ISS eine heikle Mission bevor.

Bei einem Ausstieg in den freien Raum, der um 17.05 Uhr deutscher Zeit beginnt und rund sechs Stunden dauern wird, sollen sie Beweise für die Lösung eines einzigartigen Weltraumkrimis sichern: Es geht um die Frage, wie es in der Orbitalsektion des angedockten Raumschiffs "Sojus MS-09" zu einem mysteriösen Loch kommen konnte.

Das nur zwei Millimeter große Leck an einer schwer zugänglichen Stelle war am 30. August entdeckt worden. Es war zwar klein, aber sehr gefährlich, weil aus ihm Luft entwich, was zu einem Druckabfall in der ISS führte. Mit einem speziellen Detektor konnte es glücklicherweise schnell geortet und mit Epoxidharz aus Bordmitteln sicher verschlossen werden.

Nur zwei Millimeter klein, aber gefährlich

Wie man auf Fotos sehen konnte, war das Loch offenbar dilettantisch und freihändig gebohrt worden, wobei der Bohrer mehrere Male abgerutscht sein musste, wie Kratzspuren zeigten. Zudem musste er nach Ansicht von Experten mindestens 50 Zentimeter lang gewesen sein, um an diese verwinkelte Stelle zu kommen. So lange Bohrer gebe es aber an Bord der ISS nicht, war die einhellige Meinung.

Eine These lautet also, dass das Loch - aus welchem Grund auch immer - auf der Erde entstanden sein könnte. In diesem Fall, so die Vermutung, muss es mit einem unkonventionellen Kleber verschlossen worden sein, der dann auf der Umlaufbahn langsam eingetrocknet und schließlich durch den Kabinendruck nach draußen gepresst wurde. Daher will man nun herausfinden, ob es an der Außenhaut der Orbitalsektion noch Reste des Klebers gibt.

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Loch in Raumstation: Wer hat da falsch gebohrt?

Der Vorfall schreckte die Russen und die anderen ISS-Partner erheblich auf. Der Staatskonzern Roskosmos bildete umgehend eine Sonderkommission, die herausfinden sollte, wo das Loch entstanden ist. Die Gretchenfrage lautete: Geht es um Pfusch beim Raumschiffhersteller RKK Energija, der unter anderem das Basismodul für die Raumstation ISS hergestellt hat? Oder gar um Sabotage, wie Roskosmos-Chef Dmitrij Rogosin, der immer für einen lockeren Spruch gut ist, einmal leichtsinnigerweise laut dachte?

Russische Medien: War es ein Amerikaner?

Schon bald wurde in russischen Medien die Vermutung laut, das Loch könnte von einem amerikanischen Besatzungsmitglied der Station gebohrt worden sein, um eine vorzeitige Rückkehr zur Erde zu provozieren. Belege oder konkrete Indizien dafür wurden jedoch nicht präsentiert.

Immerhin meldeten sich diejenigen zu Wort, die es nicht gewesen sein wollen: RKK Energija etwa stellte klar, dass das Loch nicht im Herstellungsprozess entstanden sein könne. Als Beweis wurden die Arbeitsblätter und die Bilddokumente von jedem Produktionsschritt angeführt. Zudem garantiere die technologische Produktionskette, dass keine fremde Person Zutritt zu den Werkshallen habe, hieß es. Rogosin sagte daraufhin, dass dann nur noch die Zeit der Endmontage des Raumschiffs vor dem Start in Baikonur in Kasachstan oder "irgendwelche exotischen Versionen" als Erklärung für die Entstehung des Lochs am Boden blieben. Doch dazu müsse man außen an dem Bohrloch Kleberreste nachweisen. Und genau das sollen nun die beiden Russen tun.

Weltraum-Video: Alexander Gerst filmt "Sojus"-Flug

Foto: REUTERS

Kononenko: Ausstieg ist technisch und physisch eine große Herausforderung

Der Ausstieg von Kononenko und Prokopjew wurde in der RKK Energija akribisch vorbereitet. Ein Video auf YouTube, das am Montag veröffentlicht wurde, zeigt, wie Kononenko, der erst am 3. Dezember mit der Amerikanerin Anne McClain und dem Kanadier David Saint-Jacques zur ISS gekommen war, jeden Handgriff trainiert.

So ist zu sehen, wie er zuerst mit einem 30 bis 40 Zentimeter langen Fleischermesser die zentimeterdicke Wärmeisolierung der "Sojus"-Orbitalsektion wird aufschlitzen müssen, um schließlich am "Tatort" an den Meteoritenschutz zu gelangen. Dort wird er ein Stück herausschneiden, das dann am 20. Dezember von Alexander Gerst und seiner Crew mit zur Erde gebracht wird, um dort etwa auf Bohrspuren untersucht zu werden. Zudem soll Kononenko nach Kleberresten an dem Bohrloch suchen.

Der Kosmonaut sagte, der Ausstieg sei für ihn interessant, da er einzigartig sei. Es sei aber auch technisch und physisch schwierig, an den Arbeitsort zu gelangen, da es am Raumschiff keine Griffe oder Handläufe gebe, an denen man sich festhalten könne.

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Deshalb muss Prokopjew seinen Freund Kononenko mit dem 15 Meter langen Lastenarm Strela (Pfeil), an dessen Spitze noch die Plattform Jakor (Anker) für die Fixierung der Füße befestigt werden muss, zum Arbeitsort dirigieren.

"Eine solche Aufgabe ist eine Herausforderung", sagte Kononenko. "Deshalb nehme ich sie mit Sergej Prokopjew an."

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