Wissenschaft

Nasa und Russland

Leere Drohung im Weltall

Die US-Weltraumbehörde will ihre Kooperation mit Russland auf Eis legen - eine leere Drohung. Denn bei der Internationalen Raumstation bleibt man weiterhin zusammen. Den Amerikanern bleibt gar nichts anderes übrig.

NASA
Von
Donnerstag, 03.04.2014   12:53 Uhr

Michael O'Brien, Spitzname "Obie", ist so etwas wie der Außenminister der US-Weltraumbehörde. Als einer der Nasa-Vizechefs kümmert sich der ehemalige Navy-Kampfpilot um die Beziehungen zu anderen Raumfahrtnationen, aber auch zum Rest der US-Administration. Mit einer internen E-Mail an die Nasa-Mitarbeiter hat er nun einen Politikwechsel seiner Behörde im Verhältnis zu Russland verkündet.

Die Betreffzeile des Memos lautet "Einstellung von Nasa-Kontakten mit russischen Dienststellen": Angesichts der "fortwährenden Verletzung der ukrainischen Souveränität und territorialen Integrität" habe die US-Regierung festgelegt, dass "alle Nasa-Kontakte mit Vertretern der russischen Regierung" vorerst ausgesetzt seien - mit einer Ausnahme: die "operationellen Aktivitäten" der Internationalen Raumstation ISS.

Für Experten kommt diese Nachricht nicht unbedingt überraschend. Schon andere US-Behörden hatten auf Anweisung des Außenministeriums ähnliche Erklärungen abgeben müssen. Doch was bedeutet die neue Linie der Nasa in der Praxis? O'Briens Memo bezieht sich explizit auf:

Sie alle werden im Prinzip auf Eis gelegt. Doch betroffen sind vor allem Grundlagenforscher, zum Beispiel in der Erdbeobachtung, die mit den Russen Daten austauschen. Die Zusammenarbeit bei der Internationalen Raumstation geht dagegen weiter. Und genau die macht den wesentlichen Teil der Zusammenarbeit zwischen Amerikanern und Russen im All aus.

"Wir sind abhängig von ihnen, sie sind abhängig von uns"

Nach dem Ende des Space-Shuttle-Programms hat die Nasa derzeit keine eigene Möglichkeit, Raumfahrer ins All zu bringen. Russland hat als Taxifahrer zur ISS ein Monopol - und zwar noch für die nächsten Jahre. Das weiß man in Washington sehr wohl. Deswegen wird man an diesem Teil der Kooperation auch nicht rütteln. Zumindest solange sich die geopolitische Lage nicht noch weiter zuspitzt, etwa durch einen russischen Einmarsch im Rest der Ukraine.

"Wir haben eine sehr tiefgehende und integrierte Beziehung zu den Russen", sagt etwa Scott Pace von der George Washington University in Washington. "Wir sind abhängig von ihnen und sie sind abhängig von uns", so der Experte für Raumfahrtpolitik. Sein Fazit: "Eine Scheidung ist keine Option". Tatsächlich würden weder Russen noch Amerikaner die Station allein betreiben können.

Die aktuelle Entscheidung sei "keine große Sache", sagt auch John Logsdon, ein emeritierter Politikwissenschaftler an der George Washington University. Hätte die Nasa die ISS-Kooperation ausgesetzt, wäre das "das Ende" der Raumstation gewesen. Doch genau das ist vorerst nicht in Sicht.

"Pfand in einem politischen Konflikt"

Ein öffentliches Statement der Behörde zeigt, dass die Diskussion stattdessen eher mit innenpolitischen Befindlichkeiten in Washington zu tun hat. Es geht um die Frage, wie viel Geld der Kongress für die Arbeit der Raumfahrer und -forscher locker macht. In den vergangenen Jahren habe es für die Obama-Administration "Top-Priorität" gehabt, die Abhängigkeit von Russland beim Astronautentransport zu beenden: "Hätten wir die Finanzmittel für unseren Plan vollständig bekommen, dann hätten wir die Starts amerikanischer Astronauten - und die Jobs, die daran hängen - im kommenden Jahr in die Vereinigten Staaten zurückgeholt."

Doch weil der Kongress die Finanzierung gekürzt habe, gelinge das nach aktuellem Stand erst 2017. Die Parlamentarier hätten die Wahl, so die Nasa, "den Plan, die amerikanischen Weltraumstarts zurück nach Amerika zu bringen" voll zu finanzieren - oder "weiterhin Millionen von Dollar an die Russen zu schicken. So einfach ist das." Für ein Ticket zur ISS zahlt die Nasa rund 70 Millionen Dollar an Roskosmos.

"Starke Partnerschaft" nützt Amerika langfristig

Die Behörde nutzt dieses Argument nun, um mehr Geld zu fordern: Die Obama-Administration sei dafür, so heißt es am Schluss der Erklärung, in Amerika zu investieren. Und sie hoffe, dass der Kongress das genauso sehe.

Nasa-Astronaut Ronald John Garan erklärte in einem Statement, die Nasa und die für den Friedensnobelpreis nominierte Internationale Raumstation dürften nicht als "Pfand in einem politischen Konflikt" eingesetzt werden. Es mache "keinen Sinn, etwas zu opfern, bei dem wir gut zusammenarbeiten", um Einfluss auf etwas zu haben, "das nicht gut läuft". Das Weltraumprogramm dürfe nicht als "politisches Werkzeug" genutzt werden.

Ja, die USA sollen wieder die Fähigkeit entwickeln, Menschen in den Weltraum zu bringen, so Garan. Aber selbst wenn das gelinge - "man darf sich da nicht täuschen" - sei es trotzdem im besten langfristigen Interesse der Amerikaner, eine "starke Partnerschaft" mit den Russen beizubehalten.

Einen Verbündeten dürfte er in Michael O'Brien haben. Der Nasa-Vizechef, der nun die neue Eiszeit verkünden musste, hatte einst selbst die ISS-Verträge mit Russen, Europäern, Kanadiern und Japanern ausgehandelt.

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Mit Material von AP

insgesamt 33 Beiträge
höngg 03.04.2014
1. Tja,
den Amis fehlt es eben an allen Ecken und Enden. Da muß dann schon die "Regionalmacht" aushelfen. Nein, wie entsetzlich peinlich! Ausländische Regierungen müssen den unter Obama notleidenden Menschen (das sind [...]
den Amis fehlt es eben an allen Ecken und Enden. Da muß dann schon die "Regionalmacht" aushelfen. Nein, wie entsetzlich peinlich! Ausländische Regierungen müssen den unter Obama notleidenden Menschen (das sind viele) mit Spenden und Essenrationen aushelfen. Welch ein erbärmliches heruntergewirtschaftes Land. Und bald wieder das nächste Wette, eieiei, die Probleme reißen nicht ab...
analyse 03.04.2014
2. Das ist eine völlig unnötige und falsche Entscheidung,die
auf einer Fehleinschätzung Rußlands und Putins beruht . Die Entscheidung ist nicht nur falsch,sondern ausgesprochen kontraproduktiv in dieser Situation !
auf einer Fehleinschätzung Rußlands und Putins beruht . Die Entscheidung ist nicht nur falsch,sondern ausgesprochen kontraproduktiv in dieser Situation !
ihrwisstnix 03.04.2014
3. Ja - das sind doch mal Sanktionen!
Mein Gott - wirf Hirn vom Himmel. Wenn ich Russe wäre könnten die mit der ISS machen was sie wollen. Meine Kapseln würden die nicht mehr bekommen. Was soll denn das jetzt? Glauben die wirklich, dass das den Russen stört? Und [...]
Mein Gott - wirf Hirn vom Himmel. Wenn ich Russe wäre könnten die mit der ISS machen was sie wollen. Meine Kapseln würden die nicht mehr bekommen. Was soll denn das jetzt? Glauben die wirklich, dass das den Russen stört? Und wenn wir jetzt mit allen Ländern, die gegen Menschlickeit etc. verstößt, solche Maßstäbe ansetzen, dürften wir als Deutsche zuerst nix mehr mit den USA zu tun haben und alle Beziehungen kappen. Was übrigens bzgl. NSA nur gut wäre. Aber unser Grüß Gott August aus Schloss Bellevue sagt ja auch hier nix - wie Mutti Angie.
ziegenzuechter 03.04.2014
4. guter zeitpunkt fuer ein langzeitexperiment.
jetzt kann russland einmal gut ueberpruefen, wie sich die dauer einer marsreise auf einen astronauten auswirkt. einfach mal einen ami in der iss lassen und nichtmehr auf die erde zuruckbringen. die amis wollen den kalten [...]
Zitat von sysopDie US-Weltraumbehörde will ihre Kooperation mit Russland auf Eis legen - eine symbolische Drohung. Denn bei der Internationalen Raumstation bleibt man weiterhin zusammen. Den Amerikanern bleibt gar nichts anderes übrig. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/weltall-nasa-und-russland-arbeiten-bei-iss-weiter-zusammen-a-962352.html
jetzt kann russland einmal gut ueberpruefen, wie sich die dauer einer marsreise auf einen astronauten auswirkt. einfach mal einen ami in der iss lassen und nichtmehr auf die erde zuruckbringen. die amis wollen den kalten krieg, sollen sie ihn doch bekommen. im moment ist jedenfalls das us raumfahrtprogramm so wirkungsvoll wie das von nordkore a
fritzbiker 03.04.2014
5. Den Russen fällt hoffentlich
die passende Antwort ein. Ziemlich sicher sogar. Denn immerhin geht ohne sie gar nix mit der ISS. Und wenn ihr Interesse am Betrieb nicht gar zu groß ist könnten sie alle Flüge nach der Evakuierung stoppen. Oder nur noch Russen [...]
die passende Antwort ein. Ziemlich sicher sogar. Denn immerhin geht ohne sie gar nix mit der ISS. Und wenn ihr Interesse am Betrieb nicht gar zu groß ist könnten sie alle Flüge nach der Evakuierung stoppen. Oder nur noch Russen da oben beschäftigen. Der Möglichkeiten gibt es viele. Also los, antwortet.
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